Von lateinischen Rednern. 479
'tungswürdig ist, verursachte diese Verän-derung in der Beredsamkeit: Man siehtwohl, daß ich von dem Seneka reden will.Eine allzugrosse Hochachtung gegen sichselbst, eine gewisse Eifersucht wider die groß-I ten Leute, die vor ihm da gewesen waren,ein gewaltsames Verlangen, sich vor andern> hervorzuthun, und so zir sagen, eine Sectezu stiften, welche er anführen, und nach sei-, nem Geschmacke bilden wollte, machten, daß! er den ordentlichen Weg verließ, und leiteten; ihn auf neue und den Alten ganz unbekannteAbwege.
Man kann die besten Sachen misbrauschen, und die Tugenden selbst in Laster ver-kehren , wenn man sie übertreiben, und dar-j innen gar zu weit gehen will. Die An-nehmlichkeiten , womit Cicero die römischeBeredsamkeit bereichert hatte» waren sehrmäßig, und mit vieler Richtigkeit ange-bracht. Seneca verschwendete dieselbenohne Maasse und ohne Ueberlegung. Inden Schriften des erstem waren es ernst-hafte, männliche und majestätische Zierra-then, welche fähig waren, die Würde einerKöniginn zu erheben. In den Schriftendes andern aber waren sie beynahe nichtsanders, als der Schmuck einer Buhlerinn,welche gar nicht geschickt war, der natürli-chen