Von der Philosophie. 807
dem zu verabscheuen? Das ist, sagt Zeno,die Stimme der Natur, welche uns lehrt,daß kein wahres Gut ist, als die Tugend,und kein wahres Uebel, als das Laster.
Die Stoiker konnten nicht richtiger, odermehr nach ihren Grundsätzen schließen, wel-che die Quelle ihrer Irrthümer und Berge-hungen waren. Aufder einen Seite warensie überzeugt, daß der Mensch zur Glückse-ligkeit erschaffen sey, welche sein letzter Zweckund das Ende seines Schicksals ist. Aufder andern Seite schrankten sie das Lebenund die Dauer des Menschen nur auf dasgegenwärtige Leben ein, und fanden in die-sem kurzen Raum nichts grössers, nichts lie-benswürdigem, nichts, das des Menschenso würdig wäre, als die Tugend. Es istalso kein Wunder, daß sie das Glück undden höchsten Endzweck des Menschen in dieLugend setzen. Da sie kein andres Leben,noch die ewigen Verheißungen kannten: sokonnten sie in der engen Sphäre nichts bes-sers thun, in der sie aus Mangel der Offen-barung eingeschlossen waren. Siegiengenso weit hinauf, als sie konnten. Sie warengezwungen, das Mittel für den Endzweck,und den Weg für das Ziel anzunehmen. Sienahmen die Natur zum Wegweiser, weil siekeinen bessern fanden. Sie bestrebten sich,Eee 4 nur