I. Von der Bildhauerkunst. 45
«er Statüe nicht nach dem studirten Modell ein-richten, sondern ein Modell erst nach dem Maaßdes Steins ausarbeiten. Es ist wahr, es äußernsich bisweilen gewisse Umstände, in welchen der-gleichen allerdings geschehen muß, allein, da-von ist hier die Frage nicht. Man liefert ih-nen also ein schönes, parisches, großes, und ergie-biges Marmorkloh, welches einem großen Felsennicht unänlich ist. Der Wucher mischt sich dar-ein. Sie schneiden, so weit es zureicht, so vielStücke davon, als es möglich ist, um große Ta-feln zum Verkauf daraus zu machen. DasHauptstück des Marmors wird mager; es verliertvon seiner Dicke und Ausdehnung; die Statuemag selber sorgen, wie sie Plaß finde. Den-noch geht man ohne Gewissen zu Werke, und an-statt eines ausgestreckten Armes macht man eineam Körper angekleibte Wurst; anstatt einer wei-ten herrlichen Falte schleichet sich ein angepaptesGewand in die Arbeit; die Statüe wird zusam-mengedrängt, so weit der ausgemergelte Marmores zuläßt. Fragt man nun nach einem oder dem an-dern Arm, oder nach dieser oder jener Falke; sofinden sie bald eine Entschuldigung, und sagen:wir hatten zu wenig Stein. Demohngeachtetwollen sie sich doch den Namen eines großen Künst-lers anmaßen, ob sie gleich auf Kosten der Kunsteine bloße Mißgeburt zu Stande gebracht haben.Ob zwar meine Absicht hier ganz und gar nicht ist,den Leser mit Fabeln oder Hirngespinsten zu un-terhalten ; so kann ich mich .doch nicht enthalten,
einer