I. Von der Bildhauerkunst. 59
der obersten Spitze der Stirne einen unkenntlichenPunkt, und auch einen dergleichen am äußerstenOrte des Kinnes. In diese Punkte setzet manden Zirkel, und untersuchet dadurch die Entfernun-gen aller Theile gegen alle Seiten. Diese Punktewerden am Ende der Arbeit durch eine Raspeloder durch ein Schneid-oder Glatteisen leicht wie-derum ausgelöscht. Dieses noch bey wenigenBildhauern gebräuchliche Eisen ;um schneiden istzum Glatten des Marmors weit bequemer, und ge-schickter, als alle Raspeln, nach welchen man erstmit Schmergel und Poliren mühsam zu Werkegehen muß, welche Arbeit aber durch das Schneid-eisen erspart wird.
§. 'S.
Von der Stellung und Gewegung desKopfes.
Eine schöne Bewegung, oder eine gute Stel-lung, ist in den Köpfen so nothwendig, daß mannicht unrecht sagen kann, daß alles allein darinnbestehe. Denn wenn man allenfalls einen Kopfgeradehin machet, daß er aufrecht, ohne die ge-ringste Art, auf der Brust stehet; so wird deswe-gen die ganze Figur tadelnSwürdig seyn: dahinge-gen, wenn der Kopf sich mit Artigkeit wendet,denselben jedermann bewundern wird. Alsomuß man dergleichen Köpfe meiden, welche geradein die Höhe sehen; denn dergleichen findet manweder im Antiquen, noch beym Raphael, aus-ser.