I. Von der Bildhauerkunst, i 15
Ich weis gar wohl, daß noch viele andre Ar-ten, die Verhältnisse des menschlichen Körpersauszumessen, erfunden worden, und unter unsim Schwange gehen, weil viele Künstler auch vie-lerlei) wissen. Man sieht auch, daß fast ein jedersich derjenigen Wissenschaft bedient, die er gelernt,selbst erfunden, oder nach seinem Gutdünken je-derzeit geübt hat, ohne bisweilen wahrzunehmen,ob er sich irre, oder ob er sein Ziel gut getroffenhabe, oder nicht.
Poußin nahm sein Maaß durch die Linie derKopsiänge; andre bedienten sich der Linie des An-gesichts, und bildeten sich ein, daß dieses besserwäre. Allein sie denken dabey daran nicht, daßdiese Art zu messen nur bey ganz erwachsenenMännern zutreffe, bey Jünglingen aber, die nochim Wachsthum sind, meistens fehle. Einigewollen durch die Lange des Daumens, andre wie-derum durch die Lange der Nase den ganzen Leibausmessen. Durch obige Art zu Werke zu gehnbreitet sich unter verschiedenen Meynungen, Ue-bungen, Gebräuchen und Gewohnheiten, die be-sten zu kennen, und zu wählen, folglich die Kunstder Vollkommenheit naher, und seinen Namenin den Rang der vornehmsten Künstler zu erhe-ben, ein weites Feld aus.
Diesen zu Gefallen muß ich zum Beschlußnoch eins und das andre erinnern. Ich habe zuRom sehr viele Statüen gesehen, und jederzeitwahrgenommen, daß ihre Füße niemals weiterH » aus-