Band 
[Theil II.]
JPEG-Download
 

n. Von der Bildsäule -es Laokoon. IW

über die schöne Natur, also, daß der Künstlerdie Stärke des Geistes in sich selbst hat fühlenmüssen, welche er dem Marmor eingeprägt hat.

Weil nun Laokooluin dem Zustande vorge-stellt wird, worinn er sicy^befand, als die Drachenihn und seine Kinder bereits so sehr umwundenhatten, daß sie sich weder mehr retten, noch weh-ren konnten; so mußte auch der Bildhauer allemannichfaltigen Leidenschaften zu erkennen ge-ben, von ^welchen diese unglückseligen Prinzen soplötzlich angegriffen worden. Diese Leidenschaftenkönnen aber durch nichts anders sichtbar gemachtwerden, als durch den Eindruck, den sie äußerlichim Leibe des also gequälten Menschen verur-sachen.

Da es also wahrscheinlich ist, daß Furcht,Schauer, Schrecken, Traurigkeit, Schmerz undVerzweiflung sich aller Lebensgeister dieses Va-ters auf einmal und so plötzlich bemächtiget haben,als er sich in einem so entsetzlichen Zufall verwi-ckelt sah; so mußten auch alle diese verschiedenenGemüthsunruhen in den äußerlichen Theilen derFigur kenntlich gemacht werden. Es ist aber un-möglich, so erschreckliche Wirkungen in der Naturselbst auf einmal zu beobachten,und es kann auch fastnicht seyn, daß man sich dieselben im Sinne vorstelle;daher ist es gewiß noch schwerer, dieselben in Thonzu formiren, durch den Meisel auszudrucken, und inStein zu hauen. Dennoch sehen wir in diesemMarmor alle Wirkungen und Veränderungen,welche in einer so entsetzlichen Begebenheit enk-H. Band, I stehn,