128 n. Von der Bildsäule des Laokoon.
Seine großen, nervigten und schön geformtenHände zeigen sowohl, als die Füsse, eine gesundeund kräftige Leibesbeschaffenheit, vornehmlich abereine schöne Seele. Seine erhöhten Hüften, diebreite Brust, und die hohen Achseln geben deutlicheKennzeichen eines ansehnlichen und großmüthigenMannes zu erkennen.
So sehr nun alle diese Sachen betrachtungs,würdig sind; so ist doch nichts, was mehr bewun.dert zu werden verdient, als der Ausdruck desSchmerzenS, welchen der Künstler im ganzen Leibeder Figur so künstlich vorgestellt hat. Man siehtdie Wirkungen des stärksten Leidens, das einMensch jemals empfinden kann, und welches aufeine so gelehrte Weise angezeigt ist, daß es scheint,diese Staküe sey viel eher für einen lebendigenLeib, als für eine Figur von Marmor anzusehen.Eine große und gesetzte Seele wird im Gesicht undim ganzen Leibe dieser Figur geschildert. In allenMuskeln und Sennen des Körpers entdecket sichder Schmerz, und ohne das Gesicht und andreTheile zu betrachten, glaubt man an dem einge»zogenen Unterleibe denselben beynahe selbst zu em-pfinden. Dieser Schmerz äußert sich aber dabeymit keiner Wuth, er erhebt kein Geschrey, sondernzeigt mehr ein ängstliches Seufzen, wie es dieOeffnung des Mundes andeutet. Der Schmerzund das Erhabene der Seele sind mit gleicherStärke ausgedruckt. Sein Elend dringt demZuschauer selbst bis in die Seele, und geht weit