oder die so genannte Portraitmalerey. 159
sich ganz finster. Es ist kein Verdruß, antwor-tete Apelles, sondern nur eine kleine Befremdung.Ich saß dort unter einem Baum, und hörte demGespräche einer neu angelangten Gesellschaft zu,welche an einem Hügel unweit von mir sich auf-hielt, sich zankte und von ihren Malereyen aller-hand Gedanken vorbrachte. Sie nennten sich un.kereinander Portraitmaler. Mich beucht, fieschätzen sich weit höher, als alle Freunde derMalerkunst, weil, wie sie erzählten, ihnen dieEhre wiederfahren ist, die meisten Angesichker ih-rer Helden, Fürsten und Frauen abbilden zu kön-nen. Sie plauderten von kleinen Nasen von al-lerhand Lippen, schielenden Augen, runzlichtenStirnen und schönen Ohren. Ich mußte zuwei-len vor mich in der Stille Lachen. Von andernGegenständen der Natur vernahm ich kein Wort.Giebt es denn heut zu Tage keine andern Maler,als welche nur mit Gesichtern umgehen? Ist un-sre Kunst so sehr vergessen, daß sie nur von derihrigen reden? Sie scheinen alle Theile, ja denganzen Umfang der Kunst zu verachten. Istsie vielleicht wiederum ihrem Untergänge nahe,worinn sie schon so oft gewesen ist?
Titian. Du hast Recht, Apelles! dieseguten Leute sind mit ihren Begriffen niemals wei-ter gekommen, als in die Gesichtszüge. IhrePinsel bleiben immer nur mit solchen Köpfen be-schäfftigek, welche man ihnen in der Schule vor-gelegt hatte; darauf sind sie stolz und verachte«
alles