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11. DIE INDUCTIVE NATURWISSENSCHAFT.
schaft eines obersten Princips ist nicht, dass es als Kraft er-scheine, sondern, dass es sich als erklärende Ursache aller ihmunterzuordnender Wirkungen erweise. So werden auch in derAkustik, wo die Ursachen der Schall erzeugenden Vibrationenuns in der Regel bekannt sind, diese letzteren und nicht dieStösse, Pressungen, Biegungen u. s. w., die sie verursachen,als Princip anerkannt.
Die zwei unteren Stufen der Induction, die sich von dervereinzelten Erfahrung zu allgemeinen Urtheilen und Naturgesetzenerheben, bilden die formale Unterlage, welche gehörig breitund fest gelegt sein muss, bevor man es wagen soll, über ihrden pyramidalen Bau der physikalischen, d. h. erklärendenTheorie aufzuführen. Dass diese Vorschrift zu leicht genommenwurde, ist grossentheils Schuld gewesen an den vielen falschenTheorie’n, die nur noch in der Geschichte der Wissenschaft eineStelle haben.
Die Auffindung oberster Principien ist eben so wenig, wiediejenige höherer Naturgesetze an feste Regeln gebunden; sieberuht auf einem durch tieferes Studium der Natur gereiftenScharfsinn und auf einer glücklichen Hypothese, welche sich inder Prüfung einer erklärenden Anwendung auf alle vorliegendenFälle als vollkommen haltbar erweist. Besonderes Gewicht ver-dienen die Thatsachen, Instantia prcerogatitee Baco , die für sichallein mehr beweisen, als viele andere zusammengenommen, undals eine solche bezeichnet Baco die Instantia crucis (eine Be-nennung, hergenommen von den an Scheidewegen aufgestelltenKreuzen), welche zwischen zwei gleich wahrscheinlichen Annahmenentscheidet. Das Vorrücken der Gletscher z. B. w'urde einer-seits auf das Princip der Wärme zurückgeführt, indem man esvon der Ausdehnung des in den Spalten gefrierenden Wassersherleitete, andererseits auf das Princip der Schwere, indem manden Gletscher als einen langsam fliessenden Strom betrachtete.Nach der ersten Ansicht muss die Bewegung vorzugsweise statt-