98 iv. Frerets Anweisung
so hat man gerade das Gegentheil gesehen. Die Ueber-winder haben, indem sie die Ueberwundenen ihrer Oberherr-schaft unterwürfig gemachet, großentheilö ihre Sitten undGebräuche angenommen: und da ihre ehemalige Sprachenothwendiger Weise nicht so reich, so überflüßig, und so be-arbeitet war, als der Ueberwundenen ihre; so haben sie ei-ne ziemlich große Menge Wörter daraus angenommen, diesie nach den Regeln ihrer eigenen Sprache bequemet, davonsie zu gleicher Zeit die Regeln und grammatikalische Gestaltbehalten. Die Einführung neuer Ausdrücke ist nach undnach, und fast ohne daß man es gewahr worden, geschehen;mir einer Aenderung in der Sprachlehre aber gieng das sonicht an: denn damit eine dergleichen Aenderung Statt ha-ben könnte, hätte das ganze Volk seine bisherige müßenvergessen, und eine neue erlernen können.
Daher bestehen die Mundarten der lateinischen Spra-che, welche in prallen, Gallien und Spanien gebildetworden, nachdem die Lranken, Vandaler und Gochendiese Länder erobert hatten, fast alle auö verstümmelten la-teinischen Wörtern; die aber der Sprachlehre der deutschenSprachen unterworfen sind, in welchen die Nennwörter nichtabgeändert werden, und wo man, weil die Zeitwörter nurdrey Zeiten haben, die übrigen durch Beyhülfe der Hülfs-wörter ersetzet.
Die Ueberwinder hatten anfänglich die alte deutscheSprache mit ziemlicher Sorgfalt in ihrer Reinigkeit erhal-ten. Eine Art von Ehrerbiethung gegen den römischenNamen, eine Ehrfurcht, die durch die Religion selbst bestä-tiget ward, erhielt zugleich den ziemlich reinen Gebrauch derlateinischen Sprache, in den meisten bürgerlichen und geist-lichen Urkunden: allein mit der Zeit ward sie auch hier all-mählich verunstaltet. Man beobachtete keine von den altengrammatikalischen Regeln mehr, und diese Urkunden wur-den in einer barbarischen Schreibart abgefasset; indessen
daß