76 Erinnerungen und Zusätze
Ich meines Theils habe jederzeit in den Gedanken ge,standen, es sey viel schwerer, einen Geschichtschreiber zu vcr.stehen, und folglich auch zu übersetzen und auszulegen, alseinen Dichter. Mein Urtheil gründet sich auf meine eigeneErfahrung. Hat diese mich wohl gekäuschek? Dichter ge-hen meistentheilö mit dem Herzen um. Und das bleibt im-mer einerley, so wie es Gott geschaffen hat, so lange Men-schen Menschen seyn werden. Wer mit Dichtern zu thunhat, der greife nur in seinen Busen, so wird er den Schlüs-sel zu ihnen daselbst finden. Er verbinde mit einer mäßigenKenntniß der Welt, eine noch geringere Kenntniß der Ge-schichte und Alterthümer, so wird er sie verstehen. AberGeschichtschreiber setzen die Wissenschaft von gar zu viel Din-gen voraus, und zwar von solchen Dingen, die einer bestän-digen Veränderung unterworfen sind, und deren Alter sie ineine allzugroße Entfernung von uns, und damit außer denBezirk unsers Gesichtes setzet. Alle unsere Seelsnkräfteohne Ausnahme, ermüden sie. Da muß man so viel Na-men von Orten und Menschen im Kopfe haben, und diegleichlautenden zu unterscheiden wissen. Da muß man Be-griffe von alten Gewohnheiten allerley Art haben, von Wür-den, von goktesdienstlichen, Kriegs - Regiments-Policey-Anstalten, gerichtlichen Verfahren, Spielen, Kleidertrach-ten, Hauögeräkhe, u. s. w. Man muß sich öfters in Unter-suchungen von Dingen einlassen, damit sich nur ein tände-lichteö Gemüth brcitzumachen erkühnet. Und zwar mußman davon Begriffe haben, die ihrem Verhältnisse gegenunsere Gebräuche gemäß sind. Da muß man ferner eineso ungeheure Menge von Begebenheiten gleichsam amSchnürchen haben. Ein fähiges und festes Gedächtniß,und eine wachsame Bemtheilungskraft, die sich nicht berük-ken läßt, muß in einem so wüsten und dunkeln Lande unsereSchritte leiten, damit wir nicht Namen und Zelten ver-wirren.
Je länger die Welt steht, je mehr die Begebenheiten,und ihre Behältnisse, die Bücher, sich häufen, desto mehr
nehmen