96 Erinnerungen und Zusätze
seinem Bücherbrande nichts wissen. Sie «erden also aufdie Gedanken kommen, daß entweder bey uns, nach Maaßeder Länge der Zeit, und der Weite unserer Staaten, nichtviel merkwürdiges vorgefallen seyn, oder daß unsere histori-sche Kenntniß von unserm Vaterlande sehr mäßig gewesenseyn müsse; oder sie werden uns einer Nachläßigkeic undHärte gegen unsere Nachkommen beschuldigen, deren Wiß-begierde zu befriedigen, wir uns nicht hätten in den Sinnkommen lassen. Ich würde es ihnen eben nicht verargen,wenn ste so schlössen. Wenigstens thäten sie es nicht ohneGrund von Wahrscheinlichkeit. Aber würden sie darumauch richtig schließen, weil sie wahrscheinlich schlössen? Kei-ncöweges.
Nun mache man die Anwendung auf die griechischeGeschichte. Wie viel dunkle Spuren der bootischen Ge-schichte z. E. finden wir nicht beym plmarchus, einemgcbohrnen Böotier, die wir mit keinem einstgen andern Al-ten beleuchten können? Wie manche räthseihaftc Anspielungauf Geschichte, die kein einziger Geschichtschreiber umständ-lich erzählet, liegt nicht hie und da verborgen, und theilet un-sere Muthmaßungen, und quälet unser Rathen? poly-bius klaget über die große Menge solcher Geschichtschreiber,die vor ihm einzelner Staaten Geschichte beschrieben haben,da sich indessen niemand gefunden, der die allgemeine Ge-schichte aller bekannten und mächtigen Staaten in einemZusammenhange vorgetragen, und unter einem Anblicke vor-gestellet hätte. So unerhebliche Kleinigkeiten nun auch inder Beschreibung kleiner Staaten mit untergelaufen seynmüssen: so kann sie doch nicht gänzlich leer von wichtigen Be-gebenheiren gewesen seyn.
Es ist an dem wir kennen die Verfassung und Schick-sale von mehr und großem Staaten. Unsere historischeWissenschaft umfasset einen großem Raum von Zeiten und Or-ten, als der Alten ihre. Aber kann wohl ein Geschichtschrei-ber heutzutage in allen Arte!» der Geschichte gleich stark seyn ?Ist es möglich, daß er die alte und neue, die Kirchen- und
" weltliche