Jahrgang 
auf das Jahr 1883 (CFM K 59 : 1883)
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Von der Sinnesänderung Mathildens läßt sich mit Gewißheit sagen,daß dieselbe eine allmählige war, ohne einen schrossen Bruch mit der Ver-gangenheit, ohne jene scharfe Wendung, welche Alexander Viuet mit demrechten Winkel des Rheines bei Basel vergleicht.

Diese Sinnesänderung selbst aber vollzog sich innerhalb des Kirchen-glaubens, wie denn Mathilden Escher jede kritische oder spekulative Aderfehlte. Was in ihr vorging, war eine Vertiefung ihrer ethischen Natur.Sie that einen Blick in das Elend der Endlichkeit, und da wußte ihrrationalistischer Optimismus keinen Rath wahrhaftig, indem ich diesesschreibe, dünkt mich, sie stehe neben mir und sage: Wozu das Alles? Schrei-ben Sie einfach: In diesen Jahren fand Mathilde Escher ihren Heiland.

Es ist rührend und ergötzlich zugleich, wie sich die Zürcherin nochin ihren Briefen aus England gegen diesen tieferen Menschen sträubt.Zuerst geht sie mit Unitariern um; das konnte sie zu Hause auch haben.Dann hört und spricht sie einen Geistlichen der Jndependentenkirche, dersieauf die Bibel, nur auf die Bibel" verweist. Sie möchte um keinenPreisin ein schwärmerisches Christenthum gerathen". Sie beunruhigtsich, wieHerr Fast" in den wesentlichen Punkten denke und wird nichtvöllig klug daraus. Die Bigotterie erscheint ihrwie immer gleich ab-geschmackt und bedauernswürdig"; ja, als sie nach Zürich zurückgekehrtund, schon halb gewonnen, zum ersten Mal im Hause des Antistes Geßnermit denFrommen" in Berührung kommt, die dortin großer Abge-schlossenheit und Verborgenheit" einen festen Kern bildeten, wird siemitetwas Mißtrauen" aufgenommen und schreibt dann ganz unbefangen:Lächeln mußte ich über die Begriffe, welche sich diese Leutchen von unsWeltkindern machen."

Zwei neue Bekanntschaften wirkten dann entscheidend: die mit einemBuch und die mit einem Menschen.

Wir dürfen annehmen, daß Mathilde Escher die Bibel nicht kannte.Irgend eine Sittenlehre, gewiß eine vorzügliche, hatte wohlHerr Wirz"mit Bibelsprüchen belegt, oder wenn sie ein Buch, einen Brief der heiligenSckrift im Zusammenhange las, wurden ihr diese wohl voraus durch irgend