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wie z. B.: „Sind Sie eine Theistin, Gnädige?" klassisizirte ihn dieGnädige sofort, aber nicht unter die Weisen. Dieser Graf, — sein Haus-meister war ein Thurgauer und hieß ebenfalls „Herr Gras" — ist trotzseines Geistes einer der vergessensten Schriftsteller, weil es ihm unmöglichwar, irgend etwas einfach und natürlich auszudrücken. Wer liest heutenoch die „Märchen am Kamin", das „goldene Kalb", den „steinernenGast" rc. ? Doch behalten einige seiner Schriften kulturgeschichtlichenWerth. Nirgend sonst, meines Wissens, ist die Wirthschaft eines geistlichenKurstaates — der Graf war ein Kurmainzer — mit solchem Humorund solcher Sachkenntmß geschildert.
Dem Umgänge mit diesem übergeistreichen Manne zog MathildeEscher weit denjenigen ihrer schwäbischen Geistlichen vor, welche schlichtereLeute und zuweilen eben so originelle Köpfe waren.
Ein Mathilden aus ihrer Jugend gebliebener Zug war ihr Sinn fürlandschaftliche Schönheit. Und es brauchte eben nichts Außerordentliches zusein. Eine Waldgegend, wie sie oberhalb der Schipf liegen, mit einem Durch-blick auf die Seebläue und ihre Segel genügte. Doch war es das Groß-artig-Einsame der Alpen, was sie vor Allem anzog. Sie mochte dabeian ihren Gott denken. Sie hat mir erzählt, daß sie einmal bei einemAufenthalt im Tirol, mit ihrer erkrankten Mutter allein, von einer Ge-birgslandschaft bis zu strömenden Thränen ergriffen wurde, womit siewahrlich nicht freigebig war.
Auch für Kunst, wenigstens für die große Kunst, mangelte ihr derSinn keineswegs. Als sie von ihrer letzten längern Reise (nach Dresden)zurückkam, war sie voller Bewunderung — „sie schwärmte förmlich" —für die beiden Madonnen der Galerie und für die siptinische insbesondere.
Im Genuß von Speise und Trank war sie sehr mäßig, ohne imGeringsten eine Ascetin zu sein. Einmal, nach einem Familienessen,scherzte sie: „Heute habe ich ein Glas alten Rheinweins geleert. Er hatmir gemundet und mich gestärkt. Meine Mittel würden mir täglich dieseLabung erlauben, aber ich erlaube sie mir nicht."