Jahrgang 
auf das Jahr 1883 (CFM K 59 : 1883 Expl. 2)
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In jenen Schipf-Jahren litt sie sogar an einem wunderlicher: Konflikt,über den sie sich einmal mit der ihr eigenthümlichen Offenheit äußerte,und welcher mir wegen seiner ethischen Berechtigung fest im Gedächtnissegeblieben ist.

Sie hatte ihren Vater so lieb, daß sie gewiß ihr Leben für ihn geopferthätte. So pflegte sie sein Alter mit der vollsten Hingebung. Aus der andernSeite zerrannen ihr ihre besten Jahre sozusagen zwischen den Fingern. Längsttrug sie sich mit dem im Laufe der Zeit wachsenden und drängenden, ja ängsti-genden Wunsche, etwas zustiften", eine Privatkapelle (bei den damaligenZerwürfnissen in der Landeskirche), ein Asyl, was weiß ich. Das gestaltetesich in ihrem regen Kopse bald so, bald anders. Sie wollte doch auchaus ihre Weise das Leben genießen und ihre soziale Stellung. Dazubedenke man die vom Vater ererbte Unternehmungslust. Bei Lebzeitendesselben war die Sache in ihrem ganzen Umfange nicht wohl zu ver-wirklichen. Und wenn Mathilde inzwischen selbst starb, so ging sie hin-weg unverrichteter Dinge. Das war eine quälende Lage. Mathildefühlte das so sehr, daß sie nach dem Hinschiede ihres Vaters den Banihres Asyls noch eine geraume Weile hinausschob, um sich nicht in un-kindlicher Weise auf die Erfüllung ihres Wunsches zu stürzen und andem Andenken ihres Vaters sich zu versündigen.

Die Einweihung des Stiftes von St. Anna war dann ihr Ehren-tag, wo sie überlegte, wie unerklärlich bevorzugt diejenigen sind, denen esgelingt, etwas Ganzes zu gründen und kein Stückwerk zu hinterlassen,wo so mancher Tüchtige aus halbem Wege verschwindet.

Zürcher Taschenbuch, 1.883.