16
weicht" — und sie ließ die Gerte schnellen — „von selbst in seine na-türliche Lage, d. h. in die Wahrheit zurück."
Entschlossen, wie gesagt, war sie in einem hohen Grade, und wo siemitzureden hatte, gab sie zuweilen Räthe, die nahe an das „Biegen oderBrechen", an das „Lieber handeln und bereuen, als nicht handeln undbereuen" grenzten. Sie beklagte sich dann wohl über die „Halbheit derMänner".
Db sie die Menschen kannte? Den Menschen kannte sie gründlich,d. h. in seinen allgemeinen Zügen. Ihr fehlte das Gefühl der Nüance.Sie urtheilte nach dem Maßstabe ihrer eigenen Natur und sah Guteund Böse, wo die Kraft zum Guten und zum Bösen mangelte. Sowußte sie auch unter den weiblichen Sträflingen, welche sie zurechtzu-bringen suchte, mit den sentimentalen Naturen nichts anzufangen. Diese„langweilten" sie, und sie sagte Wohl, „auf dem Schlamme sei nicht Fußzu fassen", während eine rohe, wildwüchsige Kindsmörderin sie beschäf-tigen und interessiren konnte.
Wo sie aber einmal eine Zuneigung gefaßt hatte oder eine Zu-neigung zu ihr gefaßt worden war, blieb sie unverbrüchlich treu. Manhatte in ihrer Nähe das Gefühl des Stetigen, ich hätte fast gesagt desEwigen.
Was mir diese Sommer und Herbste, in welchen meine Schwesterund ich die treue Freundin unserer seligen Mutter in der Schips be-suchen durften, so reizend erscheinen läßt, ist wohl die zeitweilige Muße,zu der das Landleben von selbst nöthigt. Später, nach dem Tode ihresVaters, da sie ihren bleibenden Sitz im Felsenhos hatte, war sie immerein Bischen gejagt, trat stürmisch ein und schied viel zu früh. Sie selbstfreilich hat sich je älter, je glücklicher und in ihren letzten Jahren amglücklichsten gefühlt. Das ist eine Thatsache, sei es weil sie Mancheserreicht hatte und das Alter überhaupt ein entschiedenerer Zustand ist, alsdie späteren Mitteljahre, sei es weil das von ihr geglaubte Jenseits ihrseinen ersten Schimmer entgegenwars.