Jahrgang 
auf das Jahr 1883 (CFM K 59 : 1883 Expl. 2)
JPEG-Download
 

116

Bei dieser dunkeln Schilderung des durch die Revolution bewirktenschlimmen Sittenzustandes ist wohl vorwiegend an jene erste schlimmeZeit des Umsturzes zu denken, während mit der zweiten Periode auch aufsittlichem Gebiet eine Wendung zum Bessern eintrat.

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf jenen Kanton, wo, wie schowfrüher gezeigt worden ist, ähnlich unsern Zürcher Seebezirken, der revolu-tionäre Umsturz mit Jubel begrüßt wurde, auf den Kanton Thurgau.Hier äußert sich der Berichterstatter folgendermaßen:Die Revolutionhatte auch in unserm Kanton in Bezug auf das Religionswesen,unstreitig ihren mehr schädlichen als nützlichen Einfluß, doch ist vielleichtkaum ein Kanton, wo wenigstens die äußerliche Achtung gegen dieReligion und ihre Diener sich im Ganzen minder verloren hätte als imKanton Thurgau." Handwerker, Bauern, Taglöhner lassen es selten daranmangeln; wo sich Verächtlichkeit zeigt, sind es meistens die Herren desDorfes, Handelsleute, Fabrikanten . . .Schwerlich wird einer von meinen.Amtsbrüdern im Thurgau sein, der sich über allgemein schlechten Kirchcn-besuch beschweren wird, ausgenommen, was die Wochenpredigten angeht,wo nicht Verachtung der Religion sondern die bäuerliche Arbeit der Grundschwächern Besuches ist. Die sonntäglichen Predigten hingegen wurdenwährend und seit der Revolution sehr fleißig besucht, ebenso die Kinderlehren.

Würde ich über Etwas klagen, so wäre es über das, daß die Neben-stunden des Sonntags oft heillos hingebracht werden und daß oft bei dergrößten Armuth der mindern Volksklasse Alles verschwendet wird, wasGutherzigkeit hingibt... Der Dämon des Leichtsinns hat die Thurgauerbei der Revolution nicht verlassen; er beherrscht sie mehr als je, und dieProzeßsucht herrscht wie unter der alten Ordnung der Dinge. Den Luxuslassen sie nicht fahren, wenn sie auch wissen, daß ihnen bald Alles unterden Händen wcggeschätzt wird. Sie spielen, sie keiglcn bis in die Nachthinein mit Hastigkeit und oft sehr hoch und versetzen lieber Alles, als daßsie nach einem Verlust das Spiel meiden sollten. Die Beschwerden derRevolution haben sie bisdahin nicht enthaltsamer gemacht; wenn sie schonklagen, so klagen sie nur darum, weil das, was sie an den Staat zahlen