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„Der sonntägliche Gottesdienst wird zahlreich besucht, während hin-gegen Kinderlehren und Wochenpredigten das gewöhnliche Schicksal leiden;die Festtage sammeln die ganze Gemeinde im Hause des Herrn. DieWenigen, welche nur Festkunden sind, werden zum Fingerzeig und eigent-lich verpönt. Jüngere Leute sehen sich einer strengen Beurtheilung aus,wenn sie nicht fleißig in der Kirche erscheinen . .. Schade nur, daß diesereligiöse Stimmung nicht den ganzen Sonntag heiligt! Kaum ist derGottesdienst geendet, so füllt sich das Wirthshaus und die Kegelbahnmit Jungen und Alten . . . Wie übel auch der militärische Appendix demSonntag anstehe, kann man auf den Trüllplätzen beobachten. Die Sonn-tagnacht wird auch hier, wie leider allenthalben, durch die Nachtbubenund das Lichtgehen profanirt, und ihre erbaulichen (!) Gesänge, die meistensaus der Kaserne herrühren, ertönen noch in der stillen Mitternacht. Eigent-liche Frevel hingegen sind sehr selten.
„Die Bibel hat namentlich seit dem Resormationssest neue Freundeund Verehrer gefunden; sie fehlt in keinem Hause und keiner Haushal-tung, und in vielen wird sie fleißig und gemeinsam gebraucht. Erbauungs-bücher, meistens ältere zwar, finden sich durchweg und ihr Aeußeres be-scheint, daß sie täglich Dienste leisten . . . Eine bei der öffentlichen Kon-firmation ausgetheilte Bibel gewann eine Haushaltung wieder dem öffent-lichen Gottesdienst und der häuslichen Andacht, da beide vorher versäumtwurden. Andere Lektüre fand ich keine" (am See und im OberamtGrüningen gab es ganze Bibliotheken, in denen kaum ein religiöses Buchsich befand).
„Wie unleugbar aber auch Hochachtung gegen Religion und ihrAeußeres sich bezeigt und mancher Zug ächter Religiosität bei einzelnenchristlich denkenden und handelnden Personen und Haushaltungen nach-gewiesen werden könnte, so gilt von der Mehrzahl der freilich so allgemeineAnwendung leidende Satz: Die Religion ist ihnen ein ererbter Ritus,ohne daß das Herz sie fühlt und der Geist darin arbeitet. In ihremGlauben geboren, getauft, unterwiesen und erzogen, hangen sie fest daran,beobachten seine Formen und Uebungen, ohne in seinen Geist einzudringen