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in Ehen und Häuser bringt. Ein sittenloser Mensch aus der Gemeinde,seit Jahren außerhalb derselben, hat sich einer frommen Societät einver-leibt und wollte seine Verwandten bei einem Besuche bekehren und ihreSeelen retten, aber sein erstes Stündlein fand so wenig Beifall, daß erden Staub von seinen Füßen zu schütteln und seinen Frieden mit sich zunehmen für gut fand .. . Die glückliche Folge dieser nüchternen Stimmungin der Gemeinde ist, daß Schwermuth, Ueberspanntheit und Verstandes-zerrüttung hier gar nicht bekannt sind. Sie vermeidet die vergeblichenGeschwätze und Gezänke der falsch genannten Erkenntniß; gegen Gliederanderer Konfession ist sie friedsam und erlaubt sich keine Aergernisse, aberebenso wenig dürften hier Proselytenmacher Anhänger finden."
Aus der Charakteristik des moralischen Zustandes mag Folgendeshervorgehoben werden: „Die Charakterlosigkeit ist groß. Wenige handelnaus Grundsätzen; der Einfluß des Augenblicks und eines guten Raisonnir-maules entscheidet oft Alles und macht die gegebenen Zusagen wieder ganzvergessen. Man verlasse sich nicht auf Gunst trotz ihrer schönen Worte;ein Einziger macht sie abwendig und aus falschen Freunden zu heftigenFeinden, heute ruft man: Hosianna! Morgen: Kreuzige! Dies giltnamentlich von den Vorgesetzten. Was beschlossen worden, wird kaumausgeführt, wenn's nicht der Pfarrer thut oder wenn sie nicht dafür einTaggeld beziehen."
Gerühmt wird auch hier der Wohlthätigkeitssiun, Fleiß und dieDienstfertigkeit der Leute. „Wirklich ist es auffallend, wie die Leute heuteeinander Plagen, necken, fluchen und lästern und Morgen in Verlegen-heiten einander kräftig hülfreiche Hand bieten. Man sieht etwa offene underbitterte Feinde, die keine Gemeinschaft miteinander haben, in der Nothsich beibringen und, wenn dem Uebel geholfen ist, Feinde sind wie zuvor."Freilich helfen sie einander auch im Schlimmen, nach dem Grundsatz:„Man muß Keinen stecken lassen". Ein Fremder, der einem Gemeinds-bürger nahe tritt, mag sich, auch wenn er im Recht ist, wohl hüten —er wird es mit der ganzen Gemeinde zu thun haben. . . „Von schänd-lichen Aeußerungen der Unkeuschheit habe ich gottlob keine Spur."