Jahrgang 
auf das Jahr 1883 (CFM K 59 : 1883 Expl. 2)
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Die Mordnächte und ihre Gedenktage.

Von Pros. L. Tobler.

^n der schweizerischen beschichte des XIV. und XV. Jahrhundertsund in Volkssagen, welche sich auf denselben Zeitraum beziehen, begegnetuns auffallend häufig (wohl 12 Mal) der Name Mordnacht. Der-selbe scheint zwar erst im XVI. Jahrhundert aufgekommen zu sein undgilt zum größern Theil von Ereignissen, welche nur durch Sagen vonungleicher Glaubwürdigkeit bezeugt sind; aber bei dem allgemeinen Cha-rakter jener Zeit, welche an Kriegen und innern Bewegungen in derEidgenossenschaft so reich war, ist es von vornherein nicht unwahrschein-lich, daß öfters Ereignisse vorkamen, welche mit jenem Namen bezeichnetwerden konnten, zumal da solche auch in der gleichzeitigen und mancheandere Parallelen darbietenden Geschichte des benachbarten deutschen Reichesnicht fehlen. Zunächst frägt es sich nun. ob der Name wirklich etwas soAußerordentliches und Schreckliches bezeichne, wie nach dem Sprach-gebrauch unserer heutigen mildern Zeit zu vermuthen wäre. Wir denkendabei an einen Massenmord, ein nächtliches Blutbad, von der Art, wieaußerhalb unsers Landes etwa die sog. sizilianische Vesper (30. April 1282)war, deren Andenken an Ort und Stelle neulich nicht ohne Bezug aufdie Gegenwart gefeiert wurde, oder in neuerer Zeit die Bartholomäus-nacht, auch Pariser Bluthochzeit genannt (24. August 1572), derenNachhall auch in die Schweiz drang. In kleinerem Maß, aber in grö-ßerer Nähe und nicht viel später, entspräche etwa die Escalade in Genf(22. Dezember 1602) und der sog. Veltlinermord (16. Juli 1620).Auf diese vier Ereignisse, welche auf romanischem Boden stattfanden,