240
Wir sehen, Seilst weiß schon ganz genau, was sich mit JosquinsEntdeckung der Tonmalerei anfangen läßt.
Es liegen mir noch. zwei ähnliche Werke vor, das eine ein vier-stimmiger Lobgesang Simeons (Uuns äimittis), das andere ursprüng-lich ein Marienlied, ungeschickt genug protestantisch umgearbeitet').
Ein anderes opus gehört zu dem Schönsten, was wir von alterMusik überhaupt besitzen. Es ist eine sünfstimmige Mottete über einemHymnus: ^,vs rosa. 8ins spürn8. Zum Voraus sei schon bemerkstdaß die fünfte Stimme auf einmal dem ganzen Chor ein anderes Ge-präge verleiht. Sonst liebt Senfl die Stimmenhäufung nicht, obwohl zu.seiner Zeit sechs, acht, zwölf Stimmen ganz gewöhnlich sind, da ja schon.Okenheim einen 36-stimmigen Zurritus (wie Glarean schmält) kom-ponirte, und bald daraus Org .210 I-snsvoli seine 54-stimmige Salz-burgermesse, und ein anderer Künstler das Monstrum einer 96-stimmigenComposition aufführten 2 ). Die eben genannte Mottete Senfls ^) ver-anlaßt uns, ein Wort über den Tenor zu sagen, der dabei zu Tage tritt.Wie der mehrstimmige Gesang erfunden wurde, kam die Methode austeine bekannte Liedmclodie als Tenor durchzuführen, gegen den die andernStimmen contrapunctirten, und nach diesem Tenor wurde das ganzeWerk genannt. So haben wir in dieser Zeit keine „Messe in E-äunoder D-änr", sondern Messen über l'orliwis arniü, uns rnusc^us äsLisog^n, tons Iss rsArös, rnallisur ins stak u. s. w. Und wenndas auch weltliche Lieder waren, so liegt dennoch nichts Anstößiges inihrer Verbindung mit der kirchlichen Musik. Denn einestheils wurdendie Liedertepte natürlich nicht gesungen, anderntheils hätte es eines außerordentlich scharfen und geübten Ohres bedurft, um aus den breiten„Pfundnoten" des Tenors eine Liedmelodie zu erkennen. Für den Com-ponisten dagegen bot dieser Oaritns ürrnus ein erwünschtes Terr n
') So konnte aus korrigirten und ursprünglichen Worten ein Tenorzusammengeflickt werden: Ora pro noln8 ^S8U8 per turnn äilsotuin 6liuin!
0 Cherubim, Contrapunkt und Fuge, p. 56.
3) Ambros a. a. O. Band V, x. 385.