Victor Hehn: Goethe und die Sprache der Bibel. 193
an die Propheten denkt« (wie dem Propheten Elias ge-schah, 1 Kön. 17, 2—6). Tags drauf schreibt er in seinTagebuch: »Aber ich lasse doch nicht ab von meinenGedanken und ringe mit dem unbekannten Engel, solltich mir die Hüfte ausrenken« (wie der Erzvater Jacob,Genesis 32). Vom Gipfel des Gotthard, 13. November 1779:»doch sind wir schon durch so vieles Grosse durchge-gangen, dass wir wie Leviathane sind, die den Stromtrinken und sein nicht achten« (nach Hiob 40, 18). Briefvom 9. Mai 1782: »Ein Fremder kommt immer wfie Israeldurchs rothe Meer, ein Zauberstab macht die feuchtenWände stehend — w T ehe dem, über den sie zusammen-schlagen!« Auch wo sich keine bestimmte Stelle findenwill, die den Ausdruck eingegeben hätte, vernehmen wirbiblischen Klang, z. B. 13. September 1777: »Ich singePsalmen dem Herrn, der mich aus Schmerzen und Engewieder in Höhe und Herrlichkeit gebracht hat«. Auch dieBriefe aus Italien, die mit ihrer seelenvollen Schwärmereinoch in diesen mittleren Lebensabschnitt und Dichtungs-stil gehören, bedienen sich oft genug biblischer Formen.So gleich Anfangs, 19. Oktober 1786 aus Bologna: »es istals da sich die Kinder Gottes mit den Töchtern der Men-schen vermählten, daraus entstanden mancherlei Ungeheuer«(Genesis 6), und in demselben Briefe: »und so geht mirsdenn, wie Bileam, dem confusen Propheten, welcher segnete,da er zu fluchen gedachte« (4 Mos. 22 und 23). Neapel3. März 1787: »die Erde ist überall des Herrn« (nachPs. 24, 1). Zweiter römischer Aufenthalt, 23. August 1787:»Nun hat mich die menschliche Gestalt gefasst und ichsie, und ich sage: Herr, ich lasse dich nicht, du segnestmich denn, und sollt ich mich lahm ringen« (wie oben,Genesis 32), und in demselben Brief: »die Gestalt dieserWelt vergeht« (1 Kor. 7,31) und am 28. September: »Solebe i^h denn glücklich, -weil ich in dem bin, w T as meinesVaters ist« (Luc. 2, 49). In dem fünften Akt des Egmont,der in Rom geschrieben sein wird, sagt Brackenburg:
Goethe-Jahrbuch VIII.