Victor Hehn: Goethe und die Sprache der Bibel. 199
so noch jetzt, empfing und empfängt. So sprachen dieEltern, die Grosseltern, so klang die Rede im Hause, imVerlauf des Tages und des Jahres; auch der Jünglingwusste es nicht anders und wiederholte nur, was er seitden Kinderjahren gehört. Goethes Mutter war gewohnt,mit der Bibel zu verkehren und diese in Zweifeln undSorgen als Orakel zu brauchen; so fand sie bei Erkrankungdes Sohnes Trost und Beruhigung in dem Spruch aus Jere-mias von den Weinbergen Samariä, und lesen wir jetztdie Briefe der Frau Rath, so fehlt fast in keinem eine An-spielung auf die Bibel oder eine Redensart von daher undjedesmal, wenn die Schreiberin nach neckischem Geplauderernsthaft wird, dient ihr der Ton der Psalmen zum Aus-druck des Gedankens oder Gefühles. Auch der Vater gabdem Sohne bei dessen erster Reise nach Italien, die abernur bis Heidelberg ging, den Spruch aus dem EvangeliumMatthäi mit auf den Weg: »Bittet, dass eure Flucht nichtgeschehe im Winter oder am Sabbat« — und der Textkam ihm also von selbst in den Mund. (Ein jetziger Vaterwürde, wenn er gebildet und nicht gerade ein Geistlicherwäre, bei solcher Gelegenheit einen Spruch nicht aus derBibel, sondern aus Goethe oder Schiller, oder, wenn ermehr zum mittleren Durchschnitt gehörte, einen aus Heineoder aus einer Offenbachschen Oper wählen). Währendder unendlichen Verödung des Nationalgeistes in der langenZeit von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 18. Jahr-hunderts war die Bibel der einzige Halt des Armen; dieBürgerwelt kannte keine andere Form idealer Erhebungund in Trauer und Noth kein anderes Labsal. Die Vor-nehmen, die unter den groben und rohen oder pedantischenund servilen Volksgenossen nichts Ansprechendes fanden,wandten sich den Sitten und der Sprache des Auslandeszu und allmählich hatte sich von diesem in immer weitererHerrschaft jene Denkart festgesetzt, die man sich gewöhnthat die Aufklärung zu nennen. Diese neue Bildung nährtesich von oberflächlichen, selbstzufriedenen Verstandesbe-