Jahrgang 
8 (1887)
Seite
203
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Bagag«

3 . Goethes literarischer Einflussauf Frankreich

VON

Th. Süpfle.

s giebt kein Kulturvolk, auf welches die Geistessonneunseres grössten Dichters nicht mächtig herabge-leuchtet hätte. Selbst oder vielmehr gerade Frank-reich, welches Uber unsere Literatur so lange ge-herrscht hatte, Hess deren belebende Strahlen in reichem Maaßeauf sich einwirken. Was Goethe einst den Franzosen in seinemBildungsgänge verdankt hatte, das hat er, zum Teil schon alsJüngling, durch die herrlichsten Spenden tausendfach zurück-gegeben. Mit ihm ergreift die deutsche Literatur nach langemRingen die Führerschaft wie in Europa überhaupt, so auchin Frankreich, führt es in ungeahnte Gebiete des Schönen einund zeigt ihm den Weg zur wahren Dichtung. Die bishermehr geahnte als begriffene Universalität unserer Natur, dieTiefe unseres Denkens und Fühlens, die Idealität unseresStrebens, welche sich in Goethe so harmonisch verkörperten,Hessen neue Kraft und neue Jugendfrische in die nach glän-zenden Leistungen ermattete und sichtbar gealterte französischePoesie einströmen. Zugleich wurde sie auch dem Umfangenach durch die Mannigfaltigkeit unserer dichterischen Formenerweitert. Und wenn auch der französische Geist unsernGoethe nicht ganz so innerlich, als wir wünschen möchten,in sich aufgenommen hat, so erfuhr er doch, wenn auch zumTheil unbewusst oder selbst widerwillig, nach wichtigen Be-ziehungen hin dessen Einwirkung. Das hohe und umfassendeGenie Goethes, welches Meisterwerke jeder Art und in ganzneuer Art schuf, fand bald stille bald stürmische Aufnahme