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Abhandlungen.
jenseits der Grenze und rief nicht blos bei den Dichtern undSchriftstellern Frankreichs befruchtenden Einfluss, zahlreicheNachbildungen, bisweilen, wie bei der sich mit Goethe ver-wandt fühlenden geistvollen Gräfin d’Agoult, eine Art vonhöherer Weihe hervor, sondern vermochte, wenigstens mittel-bar, auch auf die Anschauungen des ganzen Volkes einenunverkennbaren und mehr als augenblicklichen Eindruckauszuüben.
Zwar ist nicht allen Franzosen sein Name bekannt, ob-gleich er bei ihnen nicht blos als Dichter, sondern auch alsNaturforscher, als Denker und als Mensch überhaupt — wieunter anderem das Lustspiel der Frau Colet »la Jeunesse deGoethe« bezeugt — Gegenstand des Studiums und des regstenInteresses geworden ist. Aber allgemein bekannt sind in Frank-reich seine Schöpfungen oder zum mindesten die hervorragend-sten Verkörperungen aus denselben. Mit unwiderstehlichemZauber zogen zumal die verklärten Frauengestalten Lotte,Dorothea, Mignon und Gretchen in die Gefühls- und Phantasie-welt unserer Nachbarn ein, für deren Dichter sie leuchtendeTypen des ewig Weiblichen wurden. Gleichsam von neuemgeboren unter dem Meissei und dem Pinsel französischerKünstler, zum Teil auch durch die einschmeichelnden Klängeder Faust- und Mignon-Opern näher gebracht, drangen seineidealen und doch so lebensvollen Gebilde selbst in ferner-liegende Kreise ein, sie waren bald keine Fremdlinge mehr,sie wurden wahrhaft volksthümlich und einheimisch auffranzösischem Boden.
Indem wir uns die Aufgabe stellen, unter besondererBerücksichtigung der theils neuen theils berichtigenden That-sachen, welche wir beibringen können, in seinen wesentlichenZügen den Nachweis von der vielseitigen Einwirkung unseresDichters auf die französische Literatur zu geben, weisenwir zunächst darauf hin, daß bei der Aufnahme der WerkeGoethes, gerade wie bei unseren damaligen Schriftstellernin Frankreich überhaupt, zwei scharf getrennte und durcheinen längern Zwischenraum geschiedene Perioden zu unter-scheiden sind. Unterstützt durch die seit etwa der zweitenHälfte des 18. Jahrhunderts für die deutschen Werke er-weckten lebhaften Sympathieen 1 wurden die Schöpfungenunseres Dichters rasch jenseits des Rheines bekannt bis zudem gewaltigen Ausbruch der bürgerlichen Wirren. Dannlösten sich während dieser stürmischen Zeit und den darauffolgenden Eroberungskriegen des Kaiserreiches, welches dendeutschen Ideologen ohnehin abhold war, von französischer
1 Vgl. Th. Süpfle, Geschichte des deutschen Kultureinflusses aufFrankreich, erster Band, S. 137 ff.