Jahrgang 
8 (1887)
Seite
206
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Abhandlungen.

nahm, eine ziemlich kühle Haltung. Der Beurtheiler, welchemder deutsche Text vorlag, bemerkt zunächst, dass die näm-liche anziehende Episode, welche von Goethe aus den Me-moiren des Beaumarchais benutzt wurde, schon vorher denStoff zu einem französischen Drama geliefert habe, welchesin der Umgegend von Paris auf einem Liebhabertheateres war dasjenige des Prinzen von Conti mit Beifall auf-geführt worden sei. Diese kurze Mittheilung über die dem»Clavigo« vorausgegangene französische Bearbeitung, derenVerfasser nicht bekannt ist, ist erst neuerdings 1 durch einenähere Angabe vervollständigt worden. Darnach ist derenAutor der mit Beaumarchais später befreundete SchriftstellerMarsollier, welcher sein höchst unbedeutendes Erzeugnissunter der Aufschrift »Beaumarchais a Madrid,, comedie en3 actes« erscheinen Hess, das, wie es scheint, nur einmal,nämlich in Lyon, im Jahre 1780 zur öffentlichen Aufführunggelangte.

Wir kehren noch für einen Augenblick zu dem französi-schen Kritiker des »Clavigo« zurück, welcher nach Mittheilungder Handlung folgendes Urtheil über das Goethesche Stückabgiebt. »Dieses Trauerspiel, obgleich einer schlechten Gattungangehörig, ist interessant bis zu den letzten Auftritten aus-schliesslich, wo Herr Goethe aufhört, dem thatsächlichen Her-gange zu folgen. Er wollte wenigstens in der Lösung desKnotens das Verdienst eigener Erfindung haben; aber dieserUmschwung bietet ohne Zweifel zu viel erzwungene Lagen,um Leuten von Geschmack zu gefallen«.

Weit ungünstiger, ja geradezu wegwerfend lautet das Ur-theil, welches Beaumarchais selbst über das Goethesche Stück,das er, wahrscheinlich bei seiner Rückreise aus Wien, in Augs-burg hatte auffuhren sehen, in einem am 29. germinal, an VII,an den erwähnten Marsollier gerichteten Briefe gefällt hat 2 .

Gleichwohl blieb der »Clavigo« nicht ganz ohne Beachtungin Frankreich. Im J. 1782 wurde eine Übersetzung im erstenBande des Nouveau thedtre allemand .... par M. Priedelunter der Aufschrift »Clavijo, tragedie, de M. Goethe« vorgelegt.Dabei sind die Namen der zwei auftretenden Personen Beau-marchais und dessen Schwager Guilbert in Ronac und Ilbertoumgewandelt. Lomenie, der bekannte Biograph des Schrift-stellers Beaumarchais, berichtet, dass in Folge einer Anfragedes königlichen Censors bei Beaumarchais diese Namensver-änderung dem Übersetzer zur Pflicht gemacht worden sei.

1 Vgl. A. Bettelheims Aufsatz »Beaumarchais über Goethes Clavigo«in der Gegenwart, XVII, Nr. 25, 396 ff., sowie dessen im Jahre 1885erschienene Biographie von Beaumarchais.

2 Vgl. die vorhergehende Anmerkung.