Th. Süffle: Goethes literarischer Einfluss auf Frankreich. 205
Seite aus, mit nur wenigen Ausnahmen, die bisher bestandenenliterarischen Beziehungen.
Erst nachdem seit der Wiedereinsetzung des alten Königs-geschlechtes Ordnung und Ruhe im Lande zurückgekehrtwar, fand man dort die nöthige Müsse und, angeregt durchC. Jordan, Villers, B. Constant, besonders aber durch Frauvon Stael, auch den wtinschenswerthen Sinn für die über-raschenden Schöpfungen unserer tiefinnerlichen und zugleichso reichblühenden Dichtung. Goethe selbst verfolgte bald inder einer neuen freien Geistesrichtung huldigenden Zeitschrift»le Globe«, in welcher vor allen der ihm persönlich bekanntgewordene J. J. Ampere auf ihn hinwies, mit grossem Interessedie Aufnahme und Einwirkung, welche seine dramatischenWerke, besonders der gewaltige »Faust« bei dem Publikumund namentlich auf die jungen französischen Dichter machten,deren Gesichtskreis er erweiterte und für deren geistigesOberhaupt er gelten konnte. Durch Vermittlung von Davidd’Angers wurden ihm die neuesten Schriften von den ausge-zeichnetsten Talenten der romantischen Schule, darunterVictor Hugo, A. de Vigny, Ballanche, Sainte-Beuve, Balzac,als Autorgeschenke verehrt. Und gleichsam eine Huldigungvon ganz Frankreich war es, als der eben genannte genialeBildhauer voll Begeisterung nach Weimar kam, um die hoheits-vollen Züge des Olympiers durch seine kunstvolle Hand ineiner gelungenen Colossalbilste zu verewigen.
Allerdings erfreute sich Goethe nicht dauernd der näm-lichen Gunst in Frankreich. Absichtliche Gleichgültigkeit undsogar gehässige Angriffe suchten seit den fünfzehn letztenJahren seine hohe Bedeutung zu verringern. Aber der vondem Dichter ausgestreute edle Same ist auch in jenem Landezu tief eingedrungen, um seine befruchtende Kraft je ver-lieren zu können.
1. Clavigo. — Wert her.
Wann wurde zum ersten Male der Name unseres Dichter-fürsten in Frankreich genannt ? Nicht, wie man gewöhnlichannimmt, beim Eindringen seines epochemachenden »Werther«,sondern gelegentlich eines andern, weit minder bedeutsamenJugendwerkes. Als Verfasser des » Clavigo « wurde Goethejenseits des Rheins zunächst genannt, aber natürlich nur ein-fach erwähnt, keineswegs bekannt oder gar gefeiert. In derThat konnte dieses Trauerspiel, dessen Stoff aus einer fran-zösischen Quelle entnommen war und dessen dramatischeForm sich an die regelmäßige des französischen Theaters an-schloss , unmöglich einen besondern Eindruck bei unserenNachbarn hervorrufen.
Im Gegentheile zeigte die französische Zeitschrift, welchenoch in dem Entstehungsjahre (1774) von dem Stücke Kenntniss