Jahrgang 
8 (1887)
Seite
211
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Th. Süpfle: Goethes literarischer Einfluss auf Frankreich. 2 II

torischen Ton, häufige Abschweifungen von der Hauptsache,oft endlich eine schlechte Auswahl in Bildern, Metaphernund Wendungen.

Anderseits spendet der Beurtheiler dem Verfasser aufrichtigLob für das feine Verständniss für die Schönheiten der Naturund spricht gelegentlich einiger mitgetheilter beschreibenderund reflectirender Stellen die Hoffnung aus, dass der schwache,harte und verwickelte Stil der Übersetzung dem Leser nichtdie erhabenen Züge geraubt haben werde, welche in diesenhervorragenden Stellen glänzen. Daneben erkennt er einigeweitere Vorzüge an und nennt als solche das Natürliche, dasNaive wie in der Odyssee, den Reiz des patriarchalischenLebens, die Grossartigkeit vieler Bilder, den Schwung der Phan-tasie, eine andauernde Wärme und zwei bis drei mit Meister-hand geschriebene Briefe. Es sei dem Verfasser leicht ge-wesen, mit seinem Geiste, seinem Stoffe und mehr Geschmackein ausgezeichnetes Buch zu verfassen.

Es klingt seltsam wenn der Kritiker, der die hohe Bedeutung,welche das bahnbrechende Buch für sein eigenes Land baldgewinnen sollte, nicht im mindesten ahnte, zum Schlüsse fol-gende Bemerkung wohlgefällig beifügt. Es sei die Aufgabeder Franzosen, unseren emporstrebenden Dichtern die Wahrheitzu sagen, ihnen die unveränderlichen Regeln des Schönen zuzeigen, ihre Fehler mit Sanftmuth zu tadeln und ihren Erfolgenmit Entzücken Beifall zu spenden. So würden seine Lands-leute das Verdienst haben, uns durch ihre Lehren und Vorbilderanzuleiten, und zugleich den Ruhm ernten, dass aus ihrerHand die fremden Nebenbuhler einen Kranz erwarten undstolz darauf sein werden, ihn zu erlangen.

Fast zu gleicher Zeit veröffentlichte die bedeutendste allerfranzösischer Zeitschriften, welche zwar selten, aber meist an-erkennend über unsere Literatur sprach, eine Beurtheilung,welche von der hohen Bedeutung Werthers nicht den mindestenBegriff hatte.

Eine dritte Beurtheilung wurde im März desselben Jahres1778 in der Correspondance litteraire durch Meister,-den Nach-folger Grimms in der Redaction, gegeben. Obgleich sie ge-wissen Stimmen im Publicum nicht beipflichtete, welche überdas ganze Werk den gehässigsten Tadel aussprachen, so ver-kennt sie doch die grossen Vorzüge desselben. Zwar sei indiesem Romane die Sprache kraftvoll, die Erfindung aber seiweder geistreich noch anziehend.

Noch verblendeter und abfälliger endlich urtheilte aufGrund- derselben Übersetzung durch Aubry der bekannte Dichterund Kritiker Laharpe, zunächst in seinem Briefwechsel mit

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