Jahrgang 
8 (1887)
Seite
212
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Abhandlungen.

dem russischen Grossfürsten 1 . Die Deutschen seien in demGlauben befangen, dass man alles darstellen könne und solle,was man unter die Hand bekomme. Zudem reiche der Stoffdes Romans nicht zu einem ganzen Bande aus. Infolge dessensei er mit moralischen Gemeinplätzen und mit Beschreibungenüberladen. Nur in der Schilderung der letzten AugenblickeWerthers kämen Stellen voll Wahrheit vor, welche einen be-deutenden Eindruck hervorbrächten.

Übrigens wurden die zwei zuletzt angeführten Beurthei-lungen nicht sofort, sondern erst viel später durch den Druckin Frankreich bekannt und konnten also auf die Stimmungdes Publicums damals keinen Einfluss ausüben. Dieses fassteim Gegentheil für die ihm sympathische Figur des jungen,liebenden Werthers eine mehr und mehr wachsende Vorliebe.Von diesem steigenden Interesse zeugt schon äusserlich dasErscheinen weiterer Übertragungen, welche, was die imJahre 1797 neu aufgelegte Übersetzung von Aubry vernach-lässigt hatte, die von Goethe unterdessen hinzugefügten Briefeaufnahm.

Neben den zwei in Basel bei Decker im Jahre 1800 und1801 erschienenen Übersetzungen, deren erstere von L. C. deSalse verfasst ist und sich durch sehr hübschen Druck aus-zeichnet, und der in Paris zuerst im Jahre 1804 in nur wenigenExemplaren gedruckten Übertragung durch den auf dem Titel-blatte nicht genannten Grafen de la Bedoyere, führen wir nochinsbesondere die in demselben Jahre 1804 in Paris veröffent-lichte an, welche die Aufschrift trägt »Werther, traduit delallemand .... par C. L. Sevelinges«. Diese Arbeit bezeich-net einen entschiedenen Fortschritt. Der Übersetzer gab mitihr nicht blos eine ganz vollständige, sondern auch zuersteine treue und zugleich wohl gelungene Wiedergabe des un-vergleichlichen Vorbildes. Auch fand sie die verdiente An-erkennung und wurde wiederholt neu aufgelegt. Die Vorredeist in mehrfacher Hinsicht beachtenswerth. Wir führen einigesaus derselben an. Der Verfasser bekämpft zunächst die beider Mehrzahl seiner Landsleute übliche Aussprache des Namensdes Dichters wie »Scheete«, wofür man »Gueüte« sprechenmüsse. Über die packende Kraft des Romanes macht er folgendezutreffende Bemerkungen. Dieses so einfache und scheinbarso nackte Buch, das immer beim Gegenstand bleibt und nichtzu Abschweifungen greift wie die Nouvelle Heloi'se, sei wirk-sam, weil die Seele Werthers ohne Schleier ist und in seinenBriefen die Leidenschaft ganz unmittelbar, ohne störende

1 Vgl. den Aufsatz von L. Geiger »Laharpe und die deutscheLiteratur« in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung, 20. Juni 1882.