Th. Süpfle: Goethes literarischer Einfloss auf Frankreich. 217
In diesem legte der 22jährige Dichter die Verirrungenund das Unglück empfindsamer Herzen in einer ungenügendverknüpften Handlung dar, welche gegen das Ende des17. Jahrhunderts spielt. Der wegen eines Zweikampfes un-stät umherirrende Sinval (d’Olban) kann sich von der hef-tigen Leidenschaft für eine frühere Geliebte nicht lossagen undstösst die hingebende Zuneigung der jungen Lali, der Pflege-tochter seines gutherzigen und begüterten Gastfreundes Birk,beharrlich zurück, obwohl dieselbe ihm zu Liebe ihren evange-lischen Glauben aufzugeben entschlossen ist, wobei sie vonder sträflichen Zumuthung eines katholischen Missionars be-lästigt wird. Selbst der Umstand, dass seine frühere Geliebteunterdessen einem Anderen ihre Hand gereicht hat, kann ihnvon seiner Leidenschaft und seinem menschenscheuen Trübsinnnicht heilen, er erschiesst sich und versenkt die Familie, inderen Mitte er die liebevollste Aufnahme fand, in Trauer undVerzweiflung. Wie die geschilderten Gefühle, so ist auch dieSprache in diesem wenig anziehenden Drama höchst über-schwenglich gehalten, obgleich dann und wann auch Trivialesnicht ausgeschlossen ist.
Man sieht, dass der französische Autor unsern Goethenicht mit Glück zum Vorbilde genommen hat. Auch erkannteRamond wohl selbst, dass sein Talent nicht für die Poesiegeschaffen sei. Jedenfalls vertauschte er sie nach einiger Zeitmit einem für ihn dankbareren Berufe. Er wurde ein berühmterMineraloge und Botaniker, entdeckte einen der Hauptpunkteder Pyrenäen und schrieb über seine Erforschungen diesesGebirges ein beachtenswerthes Buch. Wegen seines beständigenAufenthaltes auf den Bergen erhielt er den Scherznamen»die gelehrte Gemse«. Er starb als Staatsrath in Paris am24. Mai 1827.
Mit Übergehung des mir nicht näher bekannten, wahr-scheinlich parodirenden Stückes »W'erther ou le delire del’amour, drame en 3 actes et en prose«, welches in Haag voneinem pseudonymen Verfasser erschien, welcher sich in derAusgabe von 1778 de la Riviere, in der von 1780 Marquisdes Bains nennt, wenden wir uns zu einem in mehreren Be-ziehungen von den zuletzt besprochenen Bearbeitungen ab-weichenden Erzeugnisse. Wir meinen die »Lettres de Charlotteä Caroline pendant sa liaison avec Werter; traduites de l’ang-lais par M. Arkwright, maltre de langue anglaise«, welche inParis, zunächst im Jahre 1786, erschienen sind. Wie die Auf-schrift zeigt, haben wir es hier nicht mit einer ursprünglichfranzösischen Bearbeitung, sondern mit einer blossen Übersetzungaus dem Englischen zu thun, wie ähnlich späterhin auch eineitalienische Nachbildung, die bekannte durch Ugo Foscolo(i8o2),