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Abhandlungen.
theils unter der einfachen Aufschrift »Lettres [auch »Derniereslettres«] de Jacopo Ortis«, theils unter romantischer klingendenTiteln seit dem Jahre 1814 von verschiedenen Franzosen über-setzt worden ist.
Die englische Originalbearbeitung jener Briefe übrigens,welche nach Angabe Appells (3. Auflage, S. 18) unter derAufschrift »the Letters of Charlotte during her connexion withWerter, London, printed forT. Cadell, in the Strand« in Londonim Jahre 1786 in 2 Bänden erschienen war, gab zu mehr alseiner Verwerthung Anlass. Sie wurde auch in das Deutscheübersetzt, und sogar von der französischen Übertragung gingihrerseits eine in das Deutsche Uber. Von den französischenÜbersetzungen nennen wir noch die unter einer etwas ab-weichenden Aufschrift im Jahre 1787 in London erschienenen»Lettres de Charlotte pendant sa liaison avec Werther,traduites de l’anglais par M . D . D . S . G . , avec unextrait d’Eleonore, autre ouvrage anglais, contenant lespremieres aventures de Werther«. Der Verfasser soll Davidde St. George sein.
Die Lettres de Charlotte ä Caroline bieten den sonder-baren Versuch dar, unter Beibehaltung der wesentlicherenZüge der Handlung die kraftvoll überschäumende deutscheSchöpfung in das Geleise strenger Ehrsamkeit einzuzwängenund Alles, was der Sittlichkeit oder der Religion im mindestenzu nahe kommen könnte, daraus zu entfernen oder durchschaale Gemeinplätze zu ersetzen. Dabei ist es nun nichtmehr der glühende Werther, sondern eine sich zierende undmit ihrer literarischen Belesenheit prunkende englische Char-lotte, welche die Feder führt, ihre sittsamen Empfindungen aus-kramt, das leidenschaftliche Wesen des Liebenden als tadelns-werth bezeichnet und doch bis kurz vor dem verhängnissvollenEnde in aller Naivetät das süsse Gefühl durchkostet, voneiner so hochbegabten Natur wie Werther angebetet zu werden.Das Buch will zwei Vortheile verbinden: das spannendeLiebesgemälde soll bleiben, aber für zimperliche Leserinnensoll alles Geniale und Gewaltige ausgemerzt werden.
Man muss sich billig wundern, dass diese kindische Ver-wässerung Werthers in einem Lande wie Frankreich in wieder-holten Auflagen Anklang hat finden können, und zwar umso mehr, als in dieser tendenziösen Umarbeitung nicht blosdie englische Sprache und die englischen Dichter wie ge-flissentlich verherrlicht werden, sondern sogar an einer Stelledes ersten Theiles gegen die französische Sprache und Nationein gehässiger Ausfall gerichtet ist.
Den »Lettres de Charlotte« gleicht übrigens in der äussernAnlage eine andere Nachbildung, welche in Paris in fast