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die Trompete an den Mnnd setzte, der vorüberströrnenden Gemeindeverkündigend, er habe schon ein Dutzend Todte auferiveckt.
Zimmermann entschädigte sich, wie er im Kleinstädter-Katechismusandeutet, für die Mißachtung seiner Mitbürger durch den schriftlichen Ver-kehr mit den bedeutendsten Zeitgenossen, und auch auf dem Gebiete seinereigenen Kunst bot ihm das Schicksal, gütig und mannigfaltig wie es ist,für die Feindschaft seiner Kollegen einen vollen Ersatz. Der ausgezeich-nete Lausanner Arzt Tissot hatte ihm seine Vertheidigung der Schutz-pocken zugesendet. Daran knüpfte sich ein Briefwechsel und dann einewahre und warme Freundschaft, welche bis zu Zimmermanns Lebens-ende vorhielt.
Dorer citirt manche Stelle dieser interessanten Korrespondenz, unterAnderm ein Wort Tissot's, welches wir vorgreifend anführen, da es einscharfes Licht auf Zimmermanns Charakter wirft und eine zerstörendeEigenschaft desselben kennzeichnet, die er freilich, als einen Grundzug derEpoche, mit manchem Zeitgenossen gemein hatte. Ich meine einen gewissenZug von Unersättlichkeit. Der Franzose bezeichnet diese faustische Eigen-schaft kurzweg als Untugend und vergleicht sie mit dem Benehmenungezogener Kinder, die, wenn sie nicht alle die Spielsachen habenkönnen, nach welchen sie langen, sich auch nicht mehr mit denen beschäf-tigen, die man ihnen läßt, und welche, um des Genusses willen derihnen fehlt, denjenigen vernichten, der ihnen dargeboten wird.
Es ist Thatsache, daß es Zimmermann in Kurzem nicht nurmit seinen Kollegen, sondern auch auf dem bürgerlichen und geselligenBoden mit den Regierenden und Tonangebenden gründlich verdarb,sogar mit den Bruggerinnen, welche ihn haßten und die er dannin seinem Katechismus so unritterlich behandelte. Und doch war erein schöner Mann von sichern Umgangsformen, der ihnen überdieskeinen Anlaß zu Herzensangelegenheiten und daraus entstehender Eifer-sucht gab. Zimmermann hatte ein zärtlich geliebtes Weib nach Brugggebracht, eine Bernerin und Haller's Verwandte, eine verwittwete Steck,