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2. Goethes Arbeit an »Hermannund Dorothea«.
Von
Hermann Schreye r.
eben einer erstaunlichen Leichtigkeit des poetischenSchaffens, einem fast mühelosen Hervorbringendes Schönen und Vollendeten, finden wir beiGoethe in bewundernswerther Vereinigung einen eisernenFleiss, eine unermüdliche Ausdauer in der Durcharbeitungund Feilung des noch nicht zur Vollendung Gediehenen:bald trifft er das Grösste im ersten kühnen Wurfe, balderreicht er es mühsam durch immer neue Umformung undBesserung. So ist er der schnellste Dichter und der lang-samste, der sorgloseste und der sorgfältigste zugleich :derselbe, der den »Werther« in vier Wochen, den »Clavigo«in acht Tagen, von der ältesten »Iphigenie« einen ganzenAufzug in einem Tage niederschrieb, arbeitete am »Faust«von der Jugend bis zu den letzten Tagen seines Greisen-alters und suchte in Werken wie »Götz von Berlichingen«,»Iphigenie«, »Wilhelm Meister« nach immer neuer Gestal-tung der ursprünglichen Idee. Wie weit des Dichtersunverdrossnes Mühen auch im Einzelnen ging, hat ErichSchmidt der letzten Goetheversammlung an einem Beispielaus dem zweiten Theil des »Faust« gezeigt, indem er mit-theilte, wie der Ausspruch der Helena:
»Dass Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint«
sich erst aus einem Dutzend verworfener Fassungen zuseiner jetzigen Gestalt entwickelt hat, und es gibt für den
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