Jahrgang 
10 (1889)
Seite
197
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Goethes Arbeit an »Hermann und Dorothea«.

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Forscher vielleicht kaum einen grösseren Genuss, als dieserastlose Arbeit, die sich nur mit dem Besten endlich genügenlässt, im Stillen zu verfolgen.

Auch »Hermann und Dorothea« gehört zu den WerkenGoethes, die uns die beiden so entgegengesetzten Artenseiner Thätigkeit erkennen lassen: das geniale Hervor-bringen aus der Fülle schaffender Kraft und die langsame,eindringliche Arbeit. Bisher freilich war man gewohnt, dieDichtung vorzugsweise als ein Beispiel für die Leichtigkeitund Schnelligkeit der Produktion zu betrachten; erst dasim Goethearchiv zugänglich gewordene Material macht esmöglich, genauer zu erkennen, mit welcher Mühe und Sorg-falt doch auch der Dichter in den verschiedenen Zeiten anseinem Werke gearbeitet hat.

»Mit Leichtigkeit und Behagen war das Gedicht ge-schrieben, und es theilte diese Empfindungen mit«, soberichtet Goethe selbst in den »Tag- und Jahresheften« (beiHempel 27,40J. Viel citirt ist die Äusserung Schillers überdas schnelle Fortschreiten des Werkes in dem Brief anMeyervom 21. Juli iy97undan Körnervom28. Oktober 1796.

Wie wir nachher sehen werden, erweist sich die An-gabe Schillers über die Zahl der Verse (je anderthalbhundertHexameter, die Goethe 9 Tage hinter einander schrieb),trotz des Zweifels von Düntzer (in den »Erläuterungen«S. 13, Anm.) durchaus als zutreffend.

Versuchen wir nun im Einzelnen die Zeit der Ent-stehung und die Art und Dauer der Arbeit Goethes ander Dichtung genauer festzustellen, so eröffnen sich zudem bisher in Aufzeichnungen und im Briefwechsel vor-liegenden Material als weitere Quellen die Tagebücher,welche grade für die vorliegende Frage den erwünschtestenAufschluss geben, und die im Goethearchiv vorhandeneHandschrift von »Hermann und Dorothea«.

Da die Tagebücher kürzlich in der WeimarischenGoetheausgabe bis zum Jahre 1800 veröffentlicht sind(Werke, Abtheilung III, Band 2), so kann hier auf dieBetreffenden Stellen ohne Weiteres verwiesen werden; überdie Handschrift können hier nur einige allgemeine AngabenPlatz finden, indem Genaueres für den Band der Werke,welcher »Hermann und Dorothea« enthält, Vorbehaltenwerden muss.

Die Handschrift ist nicht die Originalhandschrift desDichters, sondern eine vom Schreiber Geist gefertigteAbschrift. Sie bietet einen Text, der zwar dem des erstenDruckes (des Taschenbuchs vom Jahre 1797/98) nahe steht,doch auch mehrfach von diesem abweicht. Im Falle derAbweichung enthält die Handschrift die ursprünglichere,