Jahrgang 
10 (1889)
Seite
199
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Goethes Arbeit an »Hermann und Dorothea«.

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Schiller sich gewundert habe, als er sie ihm fertig vorgelegthabe, so ist dies freilich ungenau, da die eigentliche Nieder-schrift grade in regem Verkehr mit Schiller vor sich ging.Es kann also nur der Plan gemeint sein, der im Wesent-lichen schon feststand, als Goethe dem Freunde von ihmdie erste Kunde gab.

Nehmen wir hierzu die schon oben angeführte Äusse-rung Schillers an Körner, dass Goethe die Idee zu derDichtung mehrere Jahre mit sich herumgetragen, so dürftesich jedenfalls die Zeitangabe Böttigers als zutreffend er-weisen, wenn auch die Behauptung, dass Goethe den Stoffzuerst dramatisch behandeln wollte, auf sich beruhen magund jedenfalls eine solche dramatische Gestaltung überblosse Erwägungen nicht hinausgekommen sein wird.Interessant ist, dass Goethe sich später einer dramatischenBehandlung des Gegenstandes gegenüber ablehnend verhält(Eckermann, Gespräche II, S. 42). Hätte Goethe sich selbstjemals ernstlich mit einem Drama »Hermann und Dorothea«beschäftigt, so würde er bei diesem Anlass das nichtunerwähnt gelassen und Eckermann eine dahin gehendeÄusserung gewiss aufgezeichnet haben.

Lieferte nun die Salzburger Emigrantengeschichte demDichter die Hauptpersonen für seine Dichtung zugleich mitden wichtigsten Momenten der Handlung: das aus derHeimath ohne Schuld vertriebene Mädchen; den Bürgers-sohn, der, nachdem er vorher die Ermahnungen zum Hei-rathen unbeachtet gelassen, beim Anblick der Fremdensogleich von Liebe ergriffen wird und keine andre als siezur Gattin begehrt; den anfangs der Sache wenig geneigtenVater; die Prüfung des Mädchens durch die Freunde, unterdenen der Prediger voransteht; die vorläufige Werbung der-selben als Magd bis zu dem durch den Scherz des Vatershervorgerufenen Missverständniss und der schliesslichen Auf-klärung, welche die glücklichste Lösung herbeiführt: warhiermit der Rahmen für das Ganze gegeben, so ist jaandrerseits oft bewundert worden, mit welcher Meister-schaft der Dichter verstanden hat, in diesem Rahmen daslebendigste und anschaulichste Zeitgemälde zu entwerfenund unter Beibehaltung der überlieferten Züge doch einevöllig neue Schöpfung von unschätzbarem Werthe hervor-zubringen. Wie viel er dadurch gewann, dass er stattreligiöser Wirren von beschränkter Tragweite die welt-erschütternde französische Revolution und die neuestenZeiterlebnisse zum Hintergrund der Handlung wählte undso den Ausblick aus den engsten bürgerlichen Verhältnissenins Unendliche erweiterte, ist schon zu oft ausgeführtworden, als dass es hier eines Nachweises bedürfte. Goethe