Jahrgang 
10 (1889)
Seite
221
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Classiker und Romantiker.

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früher Friedrich auf der Reise nach Wien gelungen ist,Goethe zur altdeutschen Kunst zu bekehren. Im Gegen-theil erfuhr Creuzer noch 1811 1 , dass er über die Schlegelsehr übler Laune sei und sie geradezu der Unredlichkeitbezichtige. Wilhelms Vorlesungen über dramatische Kunst,in welchen Goethe ziemlich kurz behandelt wird, hättenihn verstimmt. Als es Boisseree im Mai 1811 gelang,Goethe für altdeutsche Kunst zu gewinnen, mussten siesich von Friedrich Schlegel in manchen Punkten geradezulossagen und erhielten nun aus Goethes Hand das Kunst-adelsdiplom, das sie aus den Händen der Schlegel ver-schmähten. Im folgenden Jahre 1812 folgte dann dieöffentliche Lossagung Wilhelm Schlegels von der RichtungWinckelmanns und der weimarischen Kunstfreunde in denHeidelberger Jahrbüchern 2 , in welchen er Winckelmann dievöllige Verkennung des Geistes der grossen neueren Malerzum Vorwurfe macht. Von da ab nahmen die KlagenGoethes über die »Unredlichkeit der Schlegel« immer mehrzu: bis er sich endlich in der »Reise am Rhein, Main undNeckar« in jenem Ausfall gegen die »christelnde Richtung«1817 genug that, welches die Antwort auf Schlegels Heraus-forderung der weimarischen Kunstfreunde war.

Die Wechselwirkung, welche zwischen Schellings Natur-philosophie und Goethes Naturforschung besteht, ist vonHayrn 3 in grossen Zügen dargestellt worden. Sie hat auchdichterisch ihren Ausdruck gefunden in Goethes Gedicht»Weltseele« und in dem Plane eines Naturgedichtes, welchenGoethe an Schelling abtrat. Caroline schreibt darüber anSchelling 4 5 : »Goethe tritt Dir nun auch das Gedicht ab, erüberliefert Dir seine Natur! Da er Dich nicht zum Erbeneinsetzen kann, macht er Dir eine Schenkung unterLebenden«. s Aber der Einfluss der KunstphilosophieSchellings auf die Zeitgenossen und Goethe überhauptwäre noch zu untersuchen. Schellings Definition der Kunstals Darstellung des Unendlichen im Endlichen hat demSymbolischen und Allegorischen zu der grossen Bedeutunggeholfen, welche es in Goethes letzter Periode in Anspruchnimmt. Nach Schelling beruht die Schöpfung in der Kunstauf demselben Akte, auf welchem sich jeder Mensch (Fichte)die äussere Natur schafft: nur ist die Naturschöpfung

1 Görres, Briefe II, 213.

2 s. Zs. f. östr. Gymnasien 1887, 8 u. 9. Heft, 600 ff.

3 Romantische Schule, 587 und 609 f.

4 Waitz, Caroline, II, 5.

5 Vgl. über Schellings Naturgedicht: Aus Schleiermachers Leben,III, 126, 146. Caroline, II, 5,20,24. Plitt, Aus Schellings Leben, 1,28917.