Jahrgang 
10 (1889)
Seite
222
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Abhandlungen.

bewusstlos, die Kunstschöpfung geschieht bewusst. JedesNaturproduct ist darnach also ein latentes Kunstproduct:es braucht nur in das bewusste umgesetzt zu werden, umein Symbol des unendlichen zu werden. Daraus erklärtsich das Spielen mit Symbolen in der Dichtung derRomantiker: die blaue Blume von Novalis; der Widerstreitvon Rose (Liebe) und Lilie (Kunst) in Tiecks Octavian;die zahlreichen Karfunkelmythen u. s. w. Brentanos Spruch:»O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit undEwigkeit«, reiht Bilder und Begriffe aneinander, welchesymbolische Bedeutung für sich in Anspruch nehmen. DieRomantiker haben den Satz Schellings, dass alle Kunstsymbolisch sei und auch die Natur nur Symbole schaffe,unermüdlich wiederholt. ZachariasWerner ruft aus: »Symbolist alles!« und Goethe, welcher schon in derZeit der Ver-bindung mit Schiller Faust als Symbol des strebendenMenschen auffasste, singt im zweiten Theile: »Alles Ver-gängliche ist nur ein Gleichniss!« Der Kunstphilosophiekamen aber auch die romanischen Dichter zu Hülfe: nachdem Muster der Spanier hat Tieck zuerst wieder imOctavian allegorische Gestalten in das romantische Dramaeingeführt, wie sich Goethe derselben im zweiten Theildes Faust bedient.

Vergleichen wir den Faust (erster Theil) von 1808mit dem Fragment von 1790: wie stellt er sich uns äusser-lich dar? Als ein romantisches Drama. Seit 1800 hat Goethebeschlossen ihn in zwei Theile abzutheilen; wie im Tieck-schen Octavian hat nur der zweite Theil Acteintheilung.Wie in den romantischen Dramen Tiecks bildet ein Pro-log, dem (w 7 ie wir aus dem vorigen Band des Goethe-Jahrbuches wissen) am Schlüsse ein Epilog entsprechensollte, den äusseren Rahmen. Das Vorspiel auf dem Theaterführt uns wie die Märchenkomödie Tiecks, wie der Prologzu dem Octavian, den Dichter selbst im Schauspiel vor;dass die Bühne mit sich selber Scherz treiben könnte, hatTieck zuerst den romantischen Dichtern und dem Aristo-phanes abgelernt und das Theater auf dem Theater zuhumoristischer und parodistischer Wirkung verwendet. DasFragment Faust ist beschränkt auf die irdische Welt; dererste Theil zieht .nach dem Vorgänge der Romantiker undSchillers das Heilige und Wunderbare, ja selbst das_ Aller-heiligste, aber auch den grausen Spuk der Walpurgisnachtherein. Es fehlt nicht an ironischer Behandlung des Wunder-baren, wie denn Gott Vater selbst an dem Schalk Mephi-stopheles seine Freude hat. Es fehlt nicht an der litera-rischen Satire, welche in »Oberons und Titanias goldenerHochzeit« und so oft bei Tieck aus dem Kostüme und aus