Bibliographie.
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das Tiefurter Journal No. 40, die Abschriften Herders undder L. Göchhausen, sowie der Druck in Jacobis Buch überSpinoza von 1785 enthalten den Vers; er fehlt in GoethesHandschrift von 1788 (H 4 ) und folgeweise in allen späterenDrucken. Nur H. Düntzer hat ihn nach V. 9 wieder einge-schaltet. Die Herausgeber schlossen sich ihm an, da sieAnzeichen eines reinen Versehens vorzufinden glaubten. Esentsprach nicht Goethes Art, bei der Herausgabe eines fertigenälteren Gedichts einen Vers aus der Mitte einfach hinauszu werfen, ohne den gestörten Zusammenhang in anderer Artherzustellen und etwas Besseres an die Stelle zu setzen. Hieraber behielt die Strophe nach der Entfernung des V. 10etwas Unfertiges, während V. 11 zur Heilung aufforderte, weildas »Sein« (V. 11) die unmittelbare klare Beziehung auf denMenschen (V. 10) einbüsste, sich daher eine andre Verknüpfungnötliig machte und die Strophe wiederum sechsversig zu bildenwar, wenn auch das Gedicht eine solche von 7 und einesolche von 5 Versen aufweist. Allerdings mag als innrerWiderspruch empfunden werden, dass der Mensch nach V. 10aufgefordert wird Göttern zu gleichen, die uns doch nachV. 7 unbekannt sind. Die Poesie bewegt sich jedoch nichtin strenger Logik; speziell in unserm Gedichte beseitigt derSchluss den Einwand, denn hier wird der edle Mensch als»ein Vorbild jener geahnten Wesen« hingestellt, mithinwiederum ermahnt Unbekanntem gleich zu sein.
Die neu aufgefundne Handschrift von »Ilmenau« (S. 141)hat einige Abweichungen von der herkömmlichen, auf derAusgabe von 1815, B, ruhenden Fassung nöthig gemacht, insBesondere im V. 119 durch Aufnahme der doppelten Anti-these »Unschuldig und gestraft, und schuldig und beglückt«an Stelle der einfachen (unschuldig und beglückt). Es wurdeein, leicht erklärlicher, Kopirfehler der Druckhandschriftangenommen. H. Düntzers Vorschlag »Treue« für »Freiheit«im V. 113 war indess nach dem klaren Wortlaut der Hand-schrift abzulehnen.
Hinsichtlich des Schlussverses der Sprüche »Kommt Zeit,kommt Rath« (S. 294) glaubten wir auf die Fassung desersten, sonst nicht sehr zuverlässigen Drucks von 1815 zurück-greifen zu sollen : »Sind Rosen, und sie werden blühn«, weildie Voranstellung des ersten Zeitworts ganz dem poetischenSprachgebrauche des Dichters entspricht (s. die Beispiele S. 360),und die wenig glücklichen Varianten in C (1827) »Sind’s Rosen,und sie werden blühn« und in Q (1836) »Sind’s Rosen, nunsie werden blühn«, als Verschlechterungen erscheinen. EineAusschlag gebende Handschrift hat sich nicht vorgefunden,muss mithin auch für die Lesart von Q gefehlt haben.