Jahrgang 
auf das Jahr 1883 (CFM 1132)
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worden, wollen wir ihn mit den Worten der ersten Autorität auf musik--geschichtlichem Gebiet einführen. A. W. Ambros") sagt über LudwigSenfl: Eine durchaus geniale Natur, ein erstaunlicher Phantasiereichthumund die vollkommenste Durchbildung des Meisters, der alle Mittel seiner.Kunst kennt und das Schwierigste mit leichter und sicherer Hand be-herrscht, begegnet uns in Ludwig Senfl. Man möchte sich nach seinenWerken, fährt Ambros fort, von ihm die Vorstellung einer etwa Mozartverwandten, feinen persönlichen Erscheinung machen, eine Illusion, diedurch das augenscheinlich wolgetroffene Bildniß auf einer Medaille desk. k. Münzcabinets in Wien zerstört wird, welche ihn als einen Mannvon kräftigen, beinahe derben Formen, aber auch mit einem überaus ge-winnenden Ausdrucke von Biederkeit und Tüchtigkeit dareinsetzend, dar-stellt^). Andernorts nennt er Senfl den größten deutschen Liedereompo-nisten vor dem Umschwung der Musik im Jahre 1600, und in diesemUrtheil stimmen alle Musikhistoriker überein.

Nur uns Zürcher» ist er unbekannt. Sein Name hat nie auf einemConcertprogramm gestanden, und wäre es auch blos der Kuriosität oderPietät wegen gewesen. In dem Verzeichniß berühmter Züricher kommter nicht vor. Sonderbar, zu seinen Lebzeiten stritten sich Basel undZürich um die Ehre, seine Heimat zu sein. Gegen die allgemein ver-breitete Annahme, Senfl sei von Basel gebürtig, schreibt Glarean, derlange nnt ihm zusammengelebt und sein intimer Freund war, mit un-verkennbarer Absicht an sechs Stellen: Intnvious Lsnüins kiKurinus,civis ineus, Ludwig Senfl von Zürich, mein Mitbürger. Und dasZeugniß Glareans zu verwerfen, liegt kein Grund vor, auch wenn diezürcherischen Geschlechterbücher den fraglichen Namen nicht kennen.

Um 1490 in Zürich geboren, genoß Senfl seinen ersten Unterrichtin Basel und kam von da nach Innsbruck in die Kapelle Kaiser Maxi-milians I., woselbst Heinrich Jsaak sein Lehrer war. Jsaak war selbst

st Geschichte der Musik, Band 3, x. 444.

0 Eine Abbildung dieser Medaille findet sich unsrer Arbeit vorangestellt.