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Vorrede.
Von Brasilien insonderheit haben wir die klareste Zeugnisse der-jenigen/ welche theils zu erst hingekommen / theils noch langehernach in dem lande gewesen sind. Alle bestätigen dcheinhel-lig / wie die leuthe des landcs nie keme eiserne oder stählerneWaffen gehabt / und, da sie sonsten streitbar und behertzt ge-nug , sich in ihren kriegen lediglich theils grosser holtzerner vegenund keulen, theils aber solcher pfeilen zu bedienen gepflegt, wel.chen sie vornen, an statt des eisens, entweder ein scharf-ge-spitztes dein, oder eine gewisse art von einem sehr harten, gleich-falls geschärften holtz, oder endlich eine fisch - grat aus demschwantz der fische , welche unter dem Französischen nah-men des rayes am meisten bekannt sind, vorsteckten. Wir ha-ben hievon die deutlichen Worte Casparis Barläi / derebus inBrasilia gestis lud Mauritio Naffovio p. ;8> Clavae ligne<E, ar-cus, fagittee viris arma sunt: has olsiculis vel duriffimis stipi-tibus acuunt, ut thoraces parraulasque coriaceas trajiciant.Lery in seiner Histoire d’un voi'age fait en la cerre du Bresil istnoch weitläuftiger: Ils ont premierement leur Tacape, c’est-ä-dire , leurs epees & masilies, lcs unes etans de bois rouge,& les autres de bois noir &c. Au bout de leurs sieches, ilsmettent aux unes, des os pointus ; aux autres , la longueur dedemi-pie de quelque bois de cannes, fait en facon de lancette,& piquant de meme ; & quelquefois le bout d’une queue deraie, laquelle est fort venimeuse ; meme depuis que les Fran-qois & Portugais ont frequente ce pais-lä , les Sauvages ä leurImitation commencent d’y mettre , si non un ser de sieches,pour le moins une pointe de clou. Der muß jst wenig fthenkönnen / welcher aus dergleichen örtern nicht verstehet, wie diesesland nie kein eisen für sich selbst Herfür gebracht, und so gar diein den letztern Worten gemeldte arme nagel von den Europäernentlehnen müssen. Wie nett klinget es dann jetzt nicht, wannman uns mitten in diesem Brasilianischen lande, und nahment-lich zu Olinda fürtrefliche wassen-schmidten angelegt, und vondaheraus eine art deczen-klingen in Europa dringen laßt,welche sehr gut sind', und e«n Horn zum zeichen führen,auch von dreser stadt Olinden genennct werden. Wo-her meynen wol die Leser, daß uns der rare und curiöse ver-stand hergekommen sey ? Man kans zwar eben nicht so gewiß er-rathen und vorzeigen, wie bey den vorigen mustern geschehen ist.Doch scheinet gar vermuthlich , auch nach dem urtheil einigerwohlerfahrner degen-und klingen-händler, welche man hierü-ber um rath gefragt hat: der lachens - würdige fehler möchtevon den berühmten Solinger -klingen herrühren, welche zwarnach dem unterscheid der verschiedenen meistcr, wol noch et-wa« gewisse andere zeichen , aber auch sehr oft ein Horn süh,ren. Für Solinger - klingen müste jemand zuerst fälschlichOlinder-klZsigen ausgesprochen oder geschrieben haben. Oderes könnte auch würcklich das also verderbte Wort Olindendurch die lange einiger zeit für eine gemeine benennung ebender jetztgedachten Solingischen klingen aufgekommen seyn.Wo nun je dieses letzte also wäre, welches man doch an seinenvrt muß gestellet seyn lassen; so begehret man allenfalls überdas wort selbst nicht zu streiten , und will gerne glauben, wieübel solches anfänglich verderbet, und von seiner wahren aus-sprache entfremdet worden; so möge man doch selbiges anjetzomit bestem fug für gutes und reines Teutsch hatten. Aber sollteauch deswegen so gleich die artige folgcrung paßiren : Weil et-wa» die Solinger -klingen in Sachsenland durch eine verdcr-bnng des Worts Olinden heissen: so werden selbige jetzt auchvon dem Brasilianischen Olinda de Pernambucö in Europa übergebracht. Doch, wie es gleich vorher mit der schlachtdes sohnes Molorchi beschaffen gewesen, daß wir selbigenicht ursprünglich dem Leipziger Lexico zu verdancken gehabt,sondern daß solche lediglich aiis Moreri war entlehnet worden;also hat es nun auch mit den degen - schmidten zu Olinda einegleiche bewandnis, welche der Herr Verfasser des artickuls alleinin dem Zeitungs-Lexico unterm titul Olinde anzutreffen dasglücke gehabt, und alsvfort, als ein rares kleinod aufgehoben,um seinen artickul Olinda de Pernambuca damit zu bereichernund auszuzicren. Allein diß soll nun einmal genug seyn vondem schlechten und elenden gezeuge, welcher uns bey den zweyvorigen auflagen dieses gegenwärtigen wercks in sehr reinerund netter schreib - art , und also nach der eigenen redens-art linsers gelehrten Gegners, gleichsain en grotesque , er-schienen ist.
Was würde aber jetzt dieser gelehrte Verfasser der ausgestreu.ten censur sagen , wann man sich gar in Basel erkühnen sollte,auch noch etwas an verschiedenen Teutschen ausdrückungen dervorigen Leipziger auflagen unsers Historischen Lexici auszusetzen?Es wird ja neben der reinlichkeit in den Worten auch noch etwasanders erfordert, um gut Teutsch zuschreiben ; und ist nichtgenug in einem wegen Nettigkeit der spräche berühmten lande ge-bohren seyn , um alles , was man aus seiner fcder fliessen laßt,für gantz ohne tadel und unvergleichlich gelten zu machen. Werinjonderheit von Historien recht gute und nette airfjage machenwill, der hat einmal unumgänglich ausser der er käu» tu is derspräche noch andere wissenschafft vonnöthen, welche die blossegeburt oder auferziehung an diesem oder jenem orte niemandso leicht mittheilen kan. Alle verständige Leser haben schon beyanlas unserer ersten vorrede qeurthcilct, daß die grosse menge deraner, so von den Französischen etwas gleichen endigungen,an welche aber diese nation besser, als die Tcurschc, gewöh-net ist, oder, noch deutlicher zu sagen, welche gleichsam blind-
lings aus Moreri und Bayle hergeholet worden, nicht alleinmerstentheils unrichtig, und nur bequem seyen, einen falschenbegriff von den fachen selbst zu geben, sondern , daß sie auchnoch ferner gar unteutsch und recht barbarisch klingen. Manist glaubwürdig berichtet, daß inner der kurtzen zeit, seit wel-cher die zwey vorige bände aus licht kommen , dergleichen anerschon mehrerer orten zu einem schertz-und sprich - wort gediehensind. Nun kommen diese, wie leicht zu erachten nicht minderoftmals in den gegenwärtigen letzten theilen vor. Da regnetsgleichsam noch immer mit Messenianern, für Messenier, mitvhönicianern, für Phönicier, mit Locrianern, an statt derLocrenser, und mit vielen andern dieses gleichen mehr. Dawird die erbärmliche Verwirrung der Römischen Gentiumunb Familiarum eben durch diese benennung beständig fortgetrie-ben , und kommt uns bald die Annianische familte vor, imartickul Milo, bald die familie der Minutianer, in M. Ni«NUtiUS Augurinus ; bald die Mutiani oder Gens Mutia, im WortMutiani ftlbsten; bald auch das geschlecht der Liciniorumoder Licinianorum, im artickul Licintus; an welchen zwey letz-ter» orten der Herr Verfasser noch scheinet in einem gelehrtenzweifel gestanden zu seyn, welche von beyden ausdrückungen diebeste wäre. Noch artiger ist, wann die bey den Römischenscribenten so bekannte ViaCampana, nur weil solche MoreriVoie Campanienne genennet hatte, zu Leipzig Via Campanie-na heissen muß; welche benennung gewißlich weder Ciceronoch Julius Cäsar , die sonsten diese straffe oft genug betreten,nimmermehr erkennen wurden.
Eine andere noch seltenere art die spräche zu verderben, ist die-jenige , wann man auch solche nahmen und geschlechter, welcheim gründe unstreitig Teutsch sind, schlechterdings nach derFranzösischen mund-art einrichten und drehen will. Wer wür-de doch den Großmeister des Teutschen orbens gegen ende desXll. sieculi , Burckart Deschwendcn für einen wahren Teut-schen, oder wenigst aus dem sonst ja genug bekannten hause vonSchwendi ansehen, wann er denselben auf obige weise im art.Revel (Hugo de) angezogen findet '! Doch ist uns der gedachtemann mitten in Leipzig also genennet worden, nur weil More-ri den edlen Teutschen nahmen auf die erbärmliche weise verkeh-ret , und mit Bruchard Deschwendcn abgewechselt hatte.
Ferner gestehen alle vernünftige, daß die allerbeste und rei-neste ausdrückungen dennoch eine gar schlechte spräche abgeben,wo man diefelbige übel anbringet, und also setzet, baß der Le-ser , wann er solche nach ihrer wahren krafft nimmt, entwedereinen gantz dunckcln, oder auch gar einen falschen verstanddaraus fassen muß. Man kan sich da folgende redens - artenaus dem artickul pentapolis der zwey vorigen ausgaben zurprobe dienen lassen: Dieser nähme, nemlich Penlapolis,wurde einer gewissen gegend in Serien gegeben, wor-innen folgende fünf ftädre waren, Sodom, Goinorrha,Adama, Zeboim, und Segor, welche um der einrvoh-ner fünde willen mit feuer vom Himmel verzehret wur-den. Muß hier nicht ein Leser, der etwa» die fachen vorhernicht genug inne hat, aus diesen Worten, und absonderlich ausden dreyen imperfectis, wurde, waren, wurden, ziemlicherMassen urtheilen; man wolle hierdurch andeuten, der nahinePentapolis wäre der beschriebenen gegend zugelegt worden, undmüste derowegen die Griechische spräche in Syrien floriret ha-ben , schon zu den zeiten Loth und Abrahams, ehe noch die ge-nannte fünf stadte zusamt der landschafft, worinnen sie lagen,durchs feuer vom Himmel verzehret wurden, und an ihremplatz das sogenannte Todte meer entstanden ist? Wie klein son-stcn diese anmerckung den Herrn Gegner düncken möchte, soWerdens ihm doch alle kenner sagen, daß die Rede - kunst haupt-sächlich auch eine richtige setzung der temporum erfordere, Undfast hieran nicht minder gelegen sey, daß durch selbige die ge-naue zeiten, als daß durch die Worte ftlbsten jede fachen odergedancken aufs deutlichste angezeiget werden. Aus dieser Ursa-che sind fast in allen bekannten sprachen die im thon so sehr un-terschiedene Imperfecta , perfecta und plufquamperfecta , wieauch bey den Griechen noch ferner die Aorists , aufkommen;welchen letztern es ,a die Franzosen , Jtaliäner, Engelländcr,und andere Europäische nationen noch würcklich nachrhun; sogar, daß unter selbigen die Herren ausländer, und eben wirTeutsche und Schwerer, über nichts öfter ausgelachet werden,als wo jemand in Vermischung dieser pra:teritorum propiorumoder remotiorum fehlet. Wiewol man sich nun hier mit demeinigen vorangezogcnen cxempel gerne begnügen will; so kandoch gewiß versichert werden, daß von dieser gatlung folm-cismorum ( dann also wird man solche nun wohl nennendörfe») viele dutzent aus dem Historischen Lexico weggeschaf-fet worden.
Um noch einige andere nicht allzunette rcdens-artcn der vori-gen ausgaben, weil man ja dazu sich gleichsam ausgesorderl be-findet, anzuführen; so wird noch wohl erlaubet seyn, etwasan den Worten zu tadeln, durch welche in dem schon vorheraus anderm anlas berührten artickul L7emea die fälschlich ein-gebildete ertödtung des sohns Molorchi vom Hercule , dieschlacht des sohns Molorchi genennet wird. Ist denn dißeben so gar reines Teutsch, die ertödtung eines einzeln men-schen, welche, wo sie ie wahrhafftig geschehen wäre, dennoch ei-nen Helden, wie Hercules war, eben wenig mühe würde gekostethaben, eine schlacht, und zwar dre schlacht dreses actödterennennen? Doch fallt hier eine mukhmassung bey, welche nlcht
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