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Geschichte des Armenwesens im Kanton Bern von der Reformation bis auf die neuere Zeit / im Auftrage der bernischen Armendirektion dargestellt von Karl Geiser
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Burger leben grossenteils aus den Gemeindenutzungenund treiben etwas Landwirtschaft. Ein Aufschwung wäredurch Aufnahme frischer Elemente, besonders tüchtigerHandwerker, möglich. Viel fleissiger ist die Bevölkerungder Landgemeinden, die mit Lust und Eifer der Land-wirtschaft und am See der Rebkultur obliegt. Hand-werk wird im ganzen wenig betrieben, in einzelnenOrtschaften findet sich etwas Spinnerei, Weberei oderStrohhutflechterei. In den Gemeinden an den grossenStrassen sind viele Fuhrleute, die aber (besondersdie Weinkarrer) nicht den nüchternsten Lebens-wandel führen. Landarbeiter sind überall eher zuwenig als zu viel; besonders in der Heu- und Ge-treideernte herrscht oft Mangel an Arbeitskräften.Von mehreren Seiten wird über eine im Neuenburgischenerrichtete Indiennefabrik geklagt, welche viel Leutean sich ziehe und auf die Sitten einen nachteiligenEinfluss habe. Nach der Meinung des Pfarrers vonGampelen sollte die bernische Regierung ihren Unter-thanen verbieten, für diese Fabrik zu arbeiten). Imallgemeinen erfreut sich die Bevölkerung, die Ackerbautreibt, eines besseren Wohlstandes als diejenige derRebgegenden, wo der Ertrag sehr ungleich ist, dieNahrungsmittel grösstenteils gekauft werden müssenund das Volk Neigung zur Trunksucht hat.

Einzelne seeländische Gemeinden erhalten vonihren Pfarrern sehr gute Sittenzeugnisse; allen voransteht Gottstadt, wo seit 14 Jahren ein einziger (nochdazu unverschuldeter) Geltstag vorgekommen sein sollund kein einziges uneheliches Kind getauft worden

Auch der Pfarrer von Ligerz, wo die Bevölkerung inner-halb 20 Jahren von 150 auf 80 Familien herabgesunken ist unddie notwendigen Arbeitskräfte zur gehörigen Besorgung der Rebenfehlen, ist der nämlichen Ansicht.