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F. Schaltegger.
Ihre Auszeichnungen, die vom Tage des Eintrittes in den Dienst der Königin, bis zuderen Tode sozusagen Tag für Tag unter dem frischen Eindrucke des Erlebten niedergeschriebenwurden und nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren, wirken auf uns wie Momentaufnahmen,die uns das Leben am Hofe der entthronten Königin ungeschminkt und daher mit um so größererTreue wiedergeben.
Es ist natürlich, daß ein Tagebuch, das die wechselnden Eindrücke täglicher Erlebnisse undBeobachtungen gleichsam im Spiegelbilde wiedergibt, auch das Bild der Schreiben» mehr oderweniger getreu wiederspiegelt. Fräulein Masuyer ist vor allem Französin und teilt als solchedie Vorzüge und Schwächen ihrer Landsmänninnen. Sie scheint hübsch gewesen zu sein und berichtetin verzeihlicher Schwäche getreulich die Lobsprüche, die ihr in dieser Hinsicht gemacht wurden.
Ihr Wissen war beschränkt; sie verstand weder Englisch noch Italienisch, und auch imDeutschen ist sie trotz ihrem siebenjährigen Aufenthalt auf Arenenberg nicht weit über die Anfangs-gründe hinausgekommen. Aber in Literatur und Kunst ihres Volkes zeigt sie den Durchschnittihrer Zeit und ihres Geschlechts überragende Kenntnisse. Auch in musikalischer Hinsicht entsprachsie den Ansprüchen, die an sie gestellt wurden. Im schriftlichen Ausdruck entwickelte sie eine Ge-wandtheit, daß die Königin ihr die Korrespondenz, soweit sie dieselbe nicht selber besorgen wollte,übertrug, und sich mit der Unterschrift begnügte, was um so eher anging, als sie ihre Handschriftder der Königin so anzupassen verstand, daß, wer die Verhältnisse nicht genauer kannte, glaubenkonnte, ein eigenhändiges Schreiben der Königin vor sich zu haben.
Auch konnte ihr die Abfassung diplomatischer Schreiben, sowie der Entwurf einer Lebens-skizze des Prinzen Ludwig, die zur Veröffentlichung bestimmt war, selbständig überlassen werden.
Auf den zahlreichen Reisen, welche die Königin bald nach Italien , bald nach Frankreich und England führten, war ihr die Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten überbunden, undda sie die Königin gelegentlich zu vertreten hatte, muß sie nach Ueberwindung einer begreiflichenanfänglichen Befangenheit sich in den höheren Gesellschaftskreisen mit einer gewisse» Sicherheitbewegt haben. Als glühende Patriotin bonaparlistischer Färbung teilte sie zwar die kritikloseVerehrung des Kaisers Napoleon , welche am Hofe der Königin Hortense herrschte, rückhaltlos.Der Königin und ihrem Sohne steht sie mit warmem Anteil an ihren Schicksalen mit unwandel-barer Treue gegenüber, obschon ihre Stellung in der gemischten Gesellschaft, welche die Königinumdrängte, keine leichte war. Ihre Ergebenheit erlitt auch dann keinen Stoß, als sie sehenmußte, wie es einer schlauen Intrigantin, der einstigen Gesellschafterin der Hortense, Frau Salvage,mehr und mehr gelang, ihr das Vertrauen der Königin und ihres Sohnes zu entziehen. DenUngezogenheiten gegenüber, denen die Damen des Hofes von seilen der Umgebung der Königinbisweilen ausgesetzt waren, und denen die Königin nicht mit hinlänglicher Festigkeit Einhalt gebot,weiß sie unerschrocken ihre Würde selbst zu wahren.
Dem Prinzen, dem sie trotz seiner Charakterschwächen einen kleinen Altar in ihrem Herzenerbaut hatte, stand sie gleichwohl nicht blind gegenüber und wußte ihre weibliche Würde zubehaupten. Als er nach mißglückten, Attentat in Straßburg gefangen saß, und sein Leben bedrohtwar, reist sie allein nach Kehl und sucht mit eigener Lebensgefahr die Riegel seines Gefängnisseszu brechen, freilich ohne Erfolg; und geriet darob mit ihrer dort verheirateten Schwester, die sichund ihren Gatten durch das Attentat schwer kompromittiert glaubte und ihrer Entrüstung überden gewissenlosen Abenteurer freien Lauf ließ, hart aneinander. Als ihr, wie's der Welt Laufist, statt verdienter Anerkennung mit Undank gelohnt und gerade vonseite dessen, dem sie mitAufopferung gedient, mit kränkendem Mißtrauen begegnet wird, da tritt sie mit offenen, Freimutvor ihn hin, zerreißt das Lügengewebe, womit man sie zu Fall zu bringen versucht hatte, und verläßterhobenen Hauptes, im Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, »ach dem Tode ihrer Herrin, Arenenberg ,um künftig ihren Erinnerungen zu leben.
Leider erfahren wir über die weiteren Schicksale der tapferen Dame, die sich zu ihrer inParis lebenden, verheirateten Schwester zurückzog, nichts. Wir erfahren auch nichts über denWeg, aus dem ihre Aufzeichnungen, die nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt waren, schließlichaus Tageslicht gelangten. Aber was wir von ihr erfahren, erweckt in uns den lebhaften Wunsch,ihre Aufzeichnungen unverkürzt noch einmal in die Hand zu bekommen, dessen gewiß, daß garmanches, was der Herausgeber als minder wichtig unterdrückt hat, bei uns auf mehr Interesse undVerständnis zählen könnte.