Buch 
Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
Entstehung
Seite
10
JPEG-Download
 

10

F. Schaltegger.

Die Salondekoration in Form eines Zeltes erinnert an eine Einrichtung, welchein Malmaison sich findet und welche die Königin hier hat nachahmen wollen, um stetsein Endchen Frankreich vor Augen zu haben. Ihre Gemächer umfassen die Hälftedes ersten Stockes. Der Rest, einst vom Prinzen Eugen bewohnt, ist jetzt der Groß-herzogin Stephanie reserviert.

Im zweiten Stock habe ich ein großes Schlafzimmer, das dem Schloß Salenstein gegenüberliegt, eine hübsche Ruine in gotischem Stil, die wie ein Adlerhorst auf einemFelskopf sitzt. Ein Toilettenkabinet und ein Boudoir vervollständigen mein Quartier,das mir wohlgefällt. Das Fenster des Boudoir schaut nach dem Wirtschaftsgebäude.Es hat Aussicht auf die Treppe, die zum Chalet und der kleinen Laube emporführt,welche zu den Gemächern des Prinzen gehört. Vier für Damen bestimmte Zimmerliegen auf gleichem Boden mit den meinigen. Darüber in den Mansarden sind dieZimmer der Kammerfrauen.

Die Aussicht, die man nach allen Seiten genießt, ist unvergleichlich. Sie gehtim Westen auf kleine grüne Buchten, über welchen das Dorf Mannenbach und seinPfarrhaus bei Sonnenuntergang ihren Reiz entfalten. Gegen Norden sieht man durch dieBäume mit Reben bepflanzte Hügel, den spiegelglatten See, die grüne Insel Reichenau mit ihren schimmernden Dächern; in der Ferne ahnt man das Ufer des Großherzogtums Baden . Im Süden steckt meine Ruine Salenstein in einem Wald von Bäumen; imOsten entdeckt man das bedeutende und anmutige Dorf Ermatingen , die Stadt Konstanz ,ein Stück vom Obersee und ganz am Horizont hinten die etwas unbestimmte Weiße derSäntisgletscher.

8. Oktober.

Diesen Morgen kam es mir wohl, daß ich vor dem Frühstück in den Salonhinunterging. Eine Person, die auf mich wartete, näherte sich mir mit großer Beflissen-heit und Zudringlichkeit. Es war Frau Parquin (Fräulein Louise Cochelet), die alteGesellschaftsdame der Königin in St. Germain, später ihre Vorleserin und seit 1815 ihreFreundin in guten und bösen Tagen. Nachdem sie den Herrn Parquin, ehemaligenmit Leib und Seele dem Andenken des Kaisers ergebenen Kavallerieoffizier geheiratetkaufte sie das Sommerhäuschen Sandegg ganz nahe bei Arenenberg , dann dasSchloß Wolssberg, wo sie das ganze Jahr durch wohnt und im Sommer eine jenerFremdenpensionen hält, deren es in der Schweiz so viele gibt. Da sie diesen Morgenzum Frühstück befohlen war und vorher mit mir plaudern wollte, hat sie sich frühe durchihre Pferde herführen lassen, während Gemahl und Tochter von Wolfsberg zu Fuß folgten.

Es ist leicht einzusehen, daß der Höhepunkt ihres Lebens für sie immer noch dieZeit von 1814 und 1815 ist. Die Königin spielte damals eben eine wichtige politischeRolle, war Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit, und etwas von diesem Glanz teiltesich ihrer Umgebung mit. Der Kaiser Alexander hatte von ihr gehört und wünschte siekennen zu lernen. Er sah sie in Malmaison. Anfänglich kühl empfangen, wurde er hitzigim Spiel, wollte gefallen, drängte seine Teilnahme auf, als die Exkaiserin Josephine am 28. Mai 1814 gestorben war, und bewies seinen Einfluß, indem er der Regierungfür sie das Herzogtum St. Leu mit einer Jahresrente von 400 000 Franken abnötigte.Die Beharrlichkeit, die er dabei entwickeln mußte, und namentlich die häufigen Besuchein St- Leu und im Hotel, dem Haus rus Oerutti, das die Königin in Paris bewohnte,