Am Hofe einer Exkönigin
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machten den Tuilerienhof der neugebackenen Herzogin abgeneigt. Man wußte, daß erbei seinen Unterredungen mit der Königin die Bourbonen mit Spott überhäufte, und manbeneidete diejenige, welche, obschon vom Thron gestoßen, bei ihm die in ihre alten Rechteeingesetzten Fürsten ausgestochen hatte.
Die Freundschaft Alexanders für die Königin verstieg sich nach der Versicherungder Fräulein Parquin bis zu vertraulichen Mitteilungen, ja bis zu Äußerungen einerzärtlichen Neigung. Aber diese Lage änderte sich zu Anfang des nächsten Jahres plötzlichnach der Rückkehr Napoleons von der Insel Elba am 20. März. Der Kaiser verhießeine Verfassung; er wünschte den Frieden. Die Königin machte den Versuch, ihn vom„großen russischen Freund", mit dem sie stets in Korrespondenz gestanden hatte, zuerlangen. Aber alles, was sie zu erreichen suchte, wurde hinfort verdächtigt; das Herzdes Fürsten war ganz umgewandelt. Man dehnte die Acht, die man über den Usurpatorverhängte, auch auf sie aus; man versagte ihr die Beweise von Teilnahme, durch welchesie einen so hervorragenden Platz in der Achtung der Einen, im Haß der Andern undin dem Neid aller gewonnen hatte. Nach Waterloo widerfuhr ihr die Demütigung,Alexander nach der rus Osrutti kommen zu sehen, aber nicht mehr zu ihr, sondern zumFürsten Schwarzenberg , der dort wohnte. Als sie in der Schweiz umherirrte, nahm ersich ihrer nicht mehr an. Erst 1816 erwirkte ihr eine Fürsprache von Petersburg ausdie Erlaubnis, ihr Leben teils in der Schweiz , teils in Bayern zubringen zu dürfen.Damals wagte sie endlich, auf ein kaltes und geringschätziges Wort nicht des Kaisersaber seines Stellvertreters, den Arenenberg zu kaufen.
Der russische Minister in Bern war der Baron Krüdener, der Sohn der Prophetin,die anno 1815 den Kaiser Alexander so völlig unter ihren Einfluß gebracht und ihmdie Idee der hl. Allianz eingegeben hatte. Louise Cochelet korrespondierte mit dieser Er-leuchteten, mit dem Minister von Nesselrode , mit dem Sekretär der russischen Gesandt-schaft in Paris , Herr Butjagin. Von der Höhe dieser Beziehungen und Erinnerungenprotegierte sie mich, mich, die in der elften Stunde gedungene Dienerin. Aber sie scheintder Königin so aufrichtig zugetan, daß wir uns schnell darüber verständigen und ich ihretwas großartiges Gebühren gerne mit in den Kauf nehme.
Ihr Gemahl, der mit seinem reizenden Töchterchen Klara an der Hand anlangte,unterbrach bald unsere Unterredung. Er salutierte vor mir und sagte: Kaiserlicher Soldat!Aber diese Vorstellung war überflüssig; denn man kann sich unmöglich eine martialischereFigur denken als die seinige, mit seiner hohen Gestalt, seinem offenen Gesicht, seinertiefen Baßstimme und seiner Schramme auf der Oberlippe. Unter dem Konsulat nocheinfacher Jäger zu Pferd hat er alle seine Grade mit dem Säbel in der Faust errungen,ist in mehr als 20 Schlachten verwundet worden, hat erst in Waterloo aufgehört zukämpfen, und da er hinfort keine andere Gelegenheit hatte, um Hiebe zu empfangen, alsindem er zum Zweikampf herausforderte, hat er mehr als 100 mal sich Offizieren derRestauration gegenübergestellt. Der Versuch, den er machte, unter dieser Staatsform zudienen, war nur kurz. In die große Verschwörung von 1820 verwickelt und entlassen,lief er in der Welt herum und suchte das Glück, ohne es zu finden, als er eines schönenTages im Postwagen der Louise Cochelet begegnete. Er erinnerte sich, sie in Holland gesehen zu haben bei einer Truppenschau im Wagen der Königin Hortense . Sie warnoch sehr hübsch, er ein sehr schöner Mann, und abgesehen von der gegenseitigen Neigung,die sie, wie sie einmal waren, einander einflößen mußten, fanden sie in ihrer gemeinsamen