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F. Schaltegger.
Die Hotelbesitzern! weinte Tränen, als sie die Königin wiedersah, und hat viel vonden Zeiten des Prinzen Engen gesprochen. Die französischen Ideen haben hier unaus-löschliche Spuren hinterlassen, und die Ereignisse,' die sich soeben in Paris abgespielthaben, haben ihnen ihren vollen Glanz wiedergegeben.
Der Prinz kennt Venedig gründlich; er wäre ein vortrefflicher Führer, wenn dieKönigin weniger unterrichtet und nicht so eilig wäre. Aber, da sie Sän Marco aus-wendig weiß, mußte man sich bescheiden und den Rest des Tages mit einem flüchtigenBesuch damit ausfüllen, daß man den Kaufläden nachlief. Abends vor dem Essen ver-weilte man ein paar Augenblicke am Klavier. Dann kamen Besuche: Herr Doxara,ein reicher, griechischer Bankier, voll von Erinnerungen an 15 Jahre zuvor; Herr Wolf,dessen beide Brüder zum Stäbe des Prinzen Eugen gehört hatten. Die Königin hatihnen ihre neuen Romanzen vorgesungen. Sie hat es sehr gern, wenn man ihrenGesang und ihre geschmackvolle Toilette bewundert. Eine Frau, sie mag noch so sehretwas Besseres sein, ist und bleibt eben doch eine Frau.
Der Prinz trifft Anordnungen für morgen. Wir werden noch einmal den Markus-palast und den Dogenpalast besuchen, dann werden wir nach dem Lido fahren; kurz, ichsoll Venedig kennen lernen und meinen Lieben in der Ferne von den Wundern berichten,deren Zeuge ich war.
26. Oktober.
Die Kanone der österreichischen Fregatte hat auf der Rheede Tagwacht geschlagenund im Gewühl der Schisse, die vor unsern Augen einander kreuzten, sehen wir balddas Triester Schiff den Hafen gewinnen und Anker werfen. Die Ehrendame, welchedie Königin von Neapel schickt, ist soeben ausgestiegen.
Sie war eben mit dem Frühstück fertig geworden, als der Prinz ganz bewegt zuuns zurückkam. Er war ausgegangen, um ein kleines französisches Fahrzeug zu sehen, dasin der Nacht angekommen war und die neue Trikolore auf seinem Mäste hißte. Lands-leute! Die nationalen Farben! Er hatte Tränen in den Augen. Diese Leute aus Marseille ,ihrer acht nur, hatten ihn zum Frühstück eingeladen; aber aus übertriebener, übel an-gebrachter Ängstlichkeit, und um die Leute nicht zu genieren, hat er sich ihnen nicht zuerkennen gegeben. Welches Vergnügen für diese Matrosen, wenn sie erfahren hätten, daßder Neffe des Kaisers zum erstenmal die drei Farben an ihrem Bord gegrüßt habe?
Fräulein Elisa Baig — so heißt die Ehrendame der Königin von Neapel — hatzu unserer großen Freude den ganzen Tag bei uns zugebracht. Sie ist sehr musikalisch,geistreich, gebildet, und spricht alle lebenden Sprachen mit reinem Akzent. Sie hat dieKönigin in Bewunderung versetzt durch die Art, wie sie liest. Darin wie in allem Übrigenübertrifft sie mich sehr.
Ich fühle die Lücke, welche die artige Prinzeß Karoline hinterlassen wird. IhreAnwesenheit war mein Vorwand und meine Fassung. Meine Unerfahrenheit und ihreSchüchternheit brachten uns schnell zusammen; ohne sie werden viele Momente schwierigerzu überwinden sein. Anderseits werde ich nicht mehr wie bisher die Möglichkeit haben,in der Stadt herumzulaufen, um ihr als Schutzwache zu dienen.