Am Hofe einer Exkönigin.
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Die Prinzeß ist so freundlich, mir zu sagen, daß sie mit Wehmut an die in dieserWoche gemeinsamen Lebens mit mir verbrachten Stunden zurückdenke. Die Abschieds-stunde versetzt uns beide in Betrübnis; wir geben einander das Versprechen, uns zuschreiben und treue Freundschaft zu halten.
Um 9 Uhr abends begleiten wir die Reisenden zum Dampfschiff. Sie sind da,wie uns scheint, sehr gut aufgehoben. Es ist ein Damensalon da, ein anderer für Herrenund jede Bequemlichkeit, soweit das auf so beschränktem Raume möglich ist. Der Restdes Abends findet uns im Theater. Der Prinz will, wir sollen bis zu Ende bleibenund vor der Rückkehr eine Glace nehmen.
Das ist unsere letzte Nacht in Venedig ; denn die nämlichen politischen Ursachen,welche die Königin in Arenenberg beunruhigten, erwecken in ihr den Wunsch, so schnellals möglich nach Florenz und Rom zu kommen, um sich so bald als möglich im Herzenvon Italien zu bergen.
Unsere Route, nachdem wir Mestre verlassen hatten, ging über Padua , Monfelice,Rovigo , wo wir übernachteten, dann über Ferrara , wo wir Halt machten, um TassosKerker und den Palast der schönen Eleonore zu sehen.
Wir sind zu guter Zeit in Bologna angelangt; die untergehende Sonne vergoldetedie Apenninen und zeigte die angenehme Lage dieser Stadt in ihrem vollen Glanz.Sie lehnt sich an einen Berg, der sie beherrscht und bedeckt ist mit Palästen, Land-häusern und Gärten. Das herrlichste Grün verschönt sie noch zu dieser Jahreszeit undbietet den lachendsten Anblick dar.
Wir.sind in der zweiten Etage eingerichtet, in Gemächern, welche die Königin nichtbefriedigen, weil sie die Etagen nicht liebt. Bis ausgepackt und das Abendessen ge-rüstet war, las man Zeitungen, klimperte etwas auf einem Klavier und plauderte vonunserm teuren Frankreich . Agitatoren regen sich in Paris , und ich zittere für diesenunheilschwangeren Winter.
Wir saßen noch beim Mahle, als Herr Bacciochi sich melden ließ. Er wurde 1797Schwager des Kaisers durch seine Heirat mit Elise Bonaparte . Edelmann und reich,konnte er damals für eine gute Partie gelten; aber später mußte er vor seiner Frau,die 1805 Prinzeß von Piombino , dann von Lucca und endlich 1808 Großherzogin vonToscana geworden war, in den Hintergrund treten. Sie ist 1820 in Trieft gestorben.Von vier Kindern, die sie gehabt hat, bleibt ein einziger Sohn und die Gräfin Napoleons Camerata , die man Madame Napoleon nennt. Man sagt ihr nach, sie sei sehr eiteldarauf, daß sie dem Kaiser gleiche.
Herr Bacciochi ist ein sechzigjähriger Mann; er muß einmal einen schönen Kopfgehabt haben und hat noch einen angenehmen Gesichtsausdruck unter einem weißen,krausen Tituskopf. Sein Sohn Felix, in der Familie Fritz geheißen, ist ein großesKind von 16 Jahren, lang, schüchtern, spricht gut aber stockend Französisch; er scheintentzückt, seinen Vetter Louis wiederzusehen. Ein junger Pariser, Herr Eugen Lebon, istseit langen Jahren Gesellschafter des Prinzen Fritz. Er ist groß, von guter Haltung,angenehme Figur; das tiefe Schwarz seiner Brauen, seines Schnurrbärtchens undseines welligen Tituskopfes lassen die Weiße seiner schönen Hand hervortreten, die ernnt Selbstgefälligkeit darauf herumspazieren läßt. Er gibt sich anmutig und plaudert
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