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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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F, Schaltegger.

vortrefflich, und ich würde ihn in allem vollkommen finden, wenn ich nicht fürchtete,daß er allzusehr meiner Meinung sei.

Man hat mir Fräulein R. als Stellvertreterin bei der Königin vorgestellt, diejedermann für die Gattin des Obersten Voutier hielt. Die Königin ist überzeugt, daßes hätte sein sollen, daß Fräulein R. es sehr wünschte, aber daß sie ohne Zögern mitihm einig ging, er könne die Hand einer andern Frau nicht zurückweisen, die er einstgeliebt hatte und die nun Witwe geworden war mit 100,000 Franken Rente.

Der Zustand Frankreichs , Europas , die Interessen der kaiserlichen Familie bildetenden Gegenstand der Unterhaltung. Die Königin führte das Wort, und Herr Eugenhielt ihr geistreich die Stange.

Madame Märe, die Mutter Napoleons , Lätitia Bonaparte , ist, wie es scheint, ent-rüstet über die> Haltung, welche die meisten ihrer Kinder der neuen französischen Regierung gegenüber beobachten. Die Gesuche, um Rückkehr nach Frankreich undSubsistenzmittel zu erlangen, die sie einreichen, sind nach ihrer Meinung unwürdig desNamens, den sie tragen. Die Königin ist weniger absolut. Sie steht gemeinschaftlichunternommenen Schritten nicht ablehnend gegenüber; aber sie tadelt, daß Lucien, Jörümeund die Königin von Neapel solche Schritte für sich getan haben. Die Person desKönigs von Rom allein sollte vorangestellt werden; er wurde im Jahr 1815 proklamiertund bleibt somit der alleinige Erbe der väterlichen Rechte.

Als die Bacciochi weggegangen waren, erlaubte ich mir die Bemerkung, mirscheine, die Königin schätze ihre eigenen Interessen vielleicht doch zu gering ein, indemsie sich derart im Schatten halte. Wenigstens lege sie zu wenig Gewicht auf den Vorteil,daß sie in Frankreich besser bekannt sei als die übrigen Glieder der Familie »undnamentlich dort die meisten Sympathien genieße.

Damit hatte ich einen sehr wunden Punkt berührt. Sie teilte mir im Vertrauenmit, die Großherzogin Stephanie habe vom Herzog von Orleans das Versprechen erhalten,man werde ihr die Rückkehr nach Frankreich gestatten. Der neue König hatte beigefügt,man solle Geduld haben, die Zeit bringe alles ins Geleise. Es liegen da Möglichkeitenvor, auf welche die Königin große Hoffnungen setzt und welche die Frage, welche Haltungsie zurzeit einzunehmen habe, doppelt schwierig gestalten.

Wir sprachen eben davon, als Madame Lätitia, die älteste Tochter der Königinvon Neapel eintrat. Sie ist hier mit einem Marquis von Pepoli vermählt, der nurFranzösisch spricht. Die Unterhaltung kam bald vom Thema ab, und man kam aufHerrn Fortunat von Brack zu sprechen. Er war vergangenen Monat bei der Königinauf Arenenberg und als er von dem Auftrag hörte, womit die Großherzogin Stephaniebetraut war, hatte er bemerkt:Der König hat mir in der Tat davon gesprochen ^aber ich vergaß, Ihnen davon Mitteilung zu machen." Nun ist Herr von Brack einsehr netter Mann und vorzüglicher Offizier bei der leichten Reiterei. In den Salonsnennt man ihn Fräulein von Brack, seiner blonden Haare und eleganten Gestalt wegen.Er gefällt durch sein reizendes Gesicht und durch sein Talent als Sänger. Auf denVorposten schätzte man seinen kaltblütigen Mut, seinen beißenden Witz und die Schneidig-keit seines Degens. Generaladjutant des Generals Colbert im Jahr 1813, wurde erdurch den Kaiser ausgezeichnet und unter die Lanziers der alten Garde versetzt, alswelcher er bei Waterloo diente. Die neue Regierung hat den guten Geschmack gehabt,ihn wieder der Kavallerie zuzuteilen und ihn zum Oberstleutnant zu ernennen.