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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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F. Schaltcgger.

Einfachheit, und alle Anmut ihrer Toilette bis zum Rosenkranz, den sie schief auf ihremHaare trug, war weislich berechnet, um ihre seltene Schönheit zur vollen Geltung zubringen. Der Prinz Louis verschlang sie mit den Augen; er hätte ihr gerne verstohlener-weise eine Nelke gegeben, die er in der Hand hielt, und da er es nicht wagte, bat er

die Prinzeß Charlotte drum, die e» ihm abschlug. Der Prinz Napoleon hielt mich im

Bann. Er hat nur gute Gedanken und Gesinnungen. Wäre er König, müßte manihn verehren, und seine Völker, wie wären sie glücklich! Wir träumten, er wäre es.Er sagte, wie er dann seine Abende verwenden würde. Er würde sich mit den

einsichtigsten Abgeordneten umgeben und mit ihnen Reformpläne schmieden. Gesternsprach man hier gerade von seinem Vetter, dem Prinzen August, ^ dem Sohn des PrinzenEugen, als von einem, der möglicherweise König von Belgien werden könnte. Unserebeiden Prinzen hätten mehr Anrechte darauf. Aber die Königin sagte wahr; ihr Nameist für das Europa der heiligen Allianz eine Popanz.

Der Prinz Louis Lucien ist angekommen, als seine Schwester Hercolani verreiste.Dieser junge Mann hat Genie für Sprachen, die er ganz allein erlernt hat. Unglücklicher-weise ist er durch einen Jesuiten erzogen worden. Obgleich er seither das, was er

seine Bigotterie nennt, abgeschüttelt hat, blieb etwas davon in seiner Physiognomie zurück.Seine Grundsätze sind sehr lax. Er findet, vorausgesetzt, daß eine Frau nicht mehr alseinen Geliebten auf einmal habe, könnte sie deren soviele haben, als sie wolle. DieItalienerinnen tun es offen; die Französinnen und Engländerinnen tun es zwar auch,aber mit mehr Verstellungskunst. Er verleugnet sein Recht, Franzose zu sein und be-streitet dasselbe auch seinen Vettern, auf das sie doch mehr Wert setzen als auf ihr Leben.

Während Prinz Napoleon ihn immer mehr stupste und der Prinz Louis seinerseitsauf dem Klavier Lärm machte, hat die Prinzeß Charlotte von den Anwesenden Skizzengezeichnet. Ich habe die meinige und die des Prinzen Louis behalten. Ich habe derKönigin einige Seiten der Geschichte von Florenz vorgelesen, die Prinz Napoleon imBegriff ist herauszugeben. Sie strahlte vor Glück und Stolz. Schließlich zum Abschiedhat er mir ein kleines Quantum einer neuen Papiersorte gegeben, die er in seiner Fabrikherstellen will; man schreibt darauf ohne Tinte, und es genügt, die Feder in Wasserzu tauchen, damit sie eine schwarze Spur hinterlasse.

8. November.

Wir sind im Theater der Pergola angelangt, als das StückDie Freunde" schonbegonnen hatte. Die Musik ist reizend, und die Grisi spielt wie eine echte Tragödin.Sie hat mich bis auf den Grund meiner Seele bewegt, und gegen das Ende des Stückeskonnte ich mich der Tränen nicht mehr erwehren. Die Prinzeß Hercolani, schwarz, aberimmer blendend, ist mit ihrem Bruder Louis Lucien in die Loge der Königin gekommen.

Heute empfing die Königin zum Frühstück Herrn Darteime, einst Artillerieoffizierbei der kaiserlichen Garde, der viel redet, ein bißchen langweilt und mit dem Prinzenzu vertraulich tut. Ein französischer Maler namens Boulanger kam um ein neuesVerfahren zu zeigen, das er für die Freskomalerei erfunden. Er hat ein sehr angenehmesGalliergesicht. Seine Frau, hübsch, klein, sehr lebhaft, hat lebhaften Gesichtsausdruck

' Derselbe wurde 1834 Gemahl der Maria da Gloria, Königi» von Portugal, starb aberschon I83b.