Am Hofe einer Exkönigin.
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und ist geschwätzig. Die Königin findet sie etwas gewöhnlich aber interessiert sich fürdas Verfahren des Gatten und verabredet eine Zusammenkunft, um mit ihm zu arbeiten.
Wir kamen dann überein, der Augenblick wäre jetzt gegeben, um das Werk desPrinzen Napoleon über Florenz erscheinen zu lassen, und man müsse sich mit der Heraus-gabe beeilen. Das Buch wird mit einer Notiz über den Urheber bevorwortet, für welchedie Königin mir die Daten und Tatsachen mitteilen wird; meine Arbeit wird von ihrgeprüft und dann an Herrn Vieillard, den alten Lehrer des Prinzen gegeben, der den Auftraghat, zu feilen und zu vervollständigen, was die Königin will drucken lassen.
Nach der Gesangstunde des Prinzen Louis, der Herrn von Brack sehr gut nachahmt,hat die Königin selbst mehrere Lieder gesungen. Sie hat angefangen, das Bild derPrinzeß Charlotte zu entwerfen, und der Prinz Louis zeichnete auch, als die PrinzeßHercolani schön wie ein Engel auf der Bildfläche erschien. Ein Hut mit blauem Sammt,mit Paradiesvögeln, ein ausgeschnittenes, blaues Kaschmirkleid, große, offene, hängendeÄrmel brachten ihre Reize vortrefflich zur Geltung. Sie meldete den Besuch des Fürstenvon Canino, der denn auch bald mit der Fürstin erschien. Wie mir schien, trug derBesuch durchaus politischen Charakter.
Lucien Bonaparte ist eher kleiner Statur; er hat vom Kaiser das Kinn, den Mund,den Nasengrund und das sanfte feine Lächeln; aber er scheint weniger gut im obern Teildes Gesichtes, weil er kurzsichtig ist und eine Brille trägt. Trotzdem er Republikaner ist, findet er die neue Verfassung Belgiens zu demokratisch, erklärt alles, was in Frankreich geschieht, für ungesetzlich und wünscht nichts dringlicher, als den König von Rom aufden Thron steigen zu sehen.
Seine Frau ist groß und, obwohl sie zwölf Kinder geboren hat, noch sehr schön.Sie hat sehr schlecht eine boshafte Arie nach der Weise ihrer Spottgedichte gesungen:„Die Zypresse." Die Königin hat auch von den von ihr vor ein paar Jahren für denKönig von Rom nach Versen der Prinzeß komponierten Romanzen singen müssen. DieVerfasserin des Textes verlangte nach einer, welche als zu schlecht beiseite gelassen wordenwar. Die Königin hatte die Geistesgegenwart, eine Weise aus dem Stegreif zu ersinnen,von der sich Frau Lucien befriedigt erklärte.
Die Prinzeß Hercolani deklamierte Szenen aus einem Trauerspiel, dessen Autorihr Vater ist. Ihre Taille und Schönheit eignen sich zur Vorstellung; aber ihre Sprech-weise ist ohne Anmut, und die Verse sind so mittelmäßig, daß wir nur einem Beifallzollen konnten:
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Sie forderte den Prinzen Louis auf, zu singen. Wider Erwarten hat er die beidenLiebchen richtig gesungen. Ich habe gesagt, wir verdankten dieses Wunder der Gegenwartder Prinzeß, und offenbar seien ein paar schöne Augen nötig, um seiner Stimme hellenKlang zu geben. Die Prinzeß Charlotte hat dazu bemerkt, dann sollte ihr Vetter inmeiner Gegenwart ja keine falschen Noten mehr singen; denn meine blauen Augen mitmeinen schwarzen Wimpern seien sehr schön und sanft.