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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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Am Hofe einer Exkönigin.

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Ich hatte gestern so viel zu tun, daß es mir unmöglich war, am Nachmittag einenAugenblick zu finden, um mich anzukleiden. Ich ging also im Mvrgenkleid zum Essenhinauf, als die Königin mir entgegenkam mit den Worten: „Wissen Sie's schon? Louisverreist; er ist aus Rom verbannt." Ein Oberst, gefolgt von zwei Offizieren, ist gekommenund hat dem Prinzen einen Paß gebracht mit dem Befehl, die Stadt binnen einer Stundezu verlassen, und alle Vorbereitungen zu dieser Abreise waren begonnen.

Die Reisewagen waren beim Sattler; man mußte sie sogleich holen und nach demzweiten Diener laufen, der nirgends zu finden war. Der Prinz mußte beim Einpacken selbstmit Hand anlegen und erlebte dabei die Demütigung, es unter den Augen eines päpst-lichen Offiziers tun zu müssen.

Man kann sich denken, wie das Diner für die Königin und für mich verlief. Ichgab mir Mühe, ihr Gründe zu nennen, die geeignet waren, sich in diese Verbannungzu finden; ich fand viele, die mir gut schienen, und die sie mechanisch wiederholte. Vordem Kamin sitzend, schüren wir beide hartnäckig das Feuer.

Zuweilen, wenn man in einem ungewissen Geisteszustand ist, genügt ein ober-flächlicher Eindruck, um den ganzen Gedankengang zu ändern. Plötzlich lodert die Flammeauf; diese Flamme erwärmt und belebt uns, und wir sehen das Abenteuer nicht mehrfür so tragisch an. Der Marquis Azzolini kam eben ganz außer Atem herein, umsich nach dem Prinzen zu erkundigen und uns zu sagen, der kleine Prinz J6röme habeauch ein Verbannungsdekret erhalten. Daß dieser 16 jährige Verschwörer für gefährlichgehalten werden konnte, das war so lächerlich, daß die Königin davon ganz getröstet wurde.Durch meine Gründe noch mehr überzeugt, hat sie das Anerbieten des Marquis, denPrinzen in die Reklamation einzuschließen, die der König Jöröme erheben wird, aus-geschlagen. Dem König selbst, der mit der Marchesa Azzolini anlangte, sagte sie, sie wolleihren Sohn lieber in Florenz wissen, als hier den Bitten der Agitatoren ausgesetzt zu sein.

Der arme Prinz war im letzten Augenblicke so gereizt, so überwacht, so umarmt

und geküßt, daß ich ihm nicht einmal mehr Lebewohl sagen konnte. Sein Onkel ging

mit ihm die Treppe hinunter; ein Oberst, zwei Offiziere schoben ihn in den Wagen;zwei Dragoner stiegen zu Pferd, um ihn an die Grenze zu eskortieren. In dieser Über-stürzung blieb uns nur zu wünschen, daß sein Paß von Österreich visiert worden sei,damit er in Toskana nicht auch noch Händel bekomme.

Hier müssen wir abbrechen. Es genüge, in raschen Zügen die nachfolgenden Ereignisse,

über welche die Königin selbst im Jahre 1884 in französischer und deutscher Sprache eine Schicht ^

herausgegeben hat, zu skizzieren.

Kaum war Prinz Louis nach Florenz zurückgekehrt, als sich die beiden Brüder dem in derRomagna ausbrechcnden Ausstand der Kamorristen anschlössen in der Hoffnung, denselben nach ihrenWünschen lenken zu können. Die Königin eilt auf die Nachricht hievon zu Tod erschrocken nachFlorenz , wo sie von ihrem Gatten mit Vorwürfen empfangen und für die unbesonnene Tat derSöhne verantwortlich gemacht wird. Sie hat nur einen Gedanken, ihre Söhne aufzusuchen, sievon ihrem gefahrvollen Unternehmen abzuwenden und zurückzubringen. Noch ehe sie aber dieselbenerreicht, vernimmt sie, daß der Prinz Napoleon in Forli an den Masern erkrankt und gestorben,der Ausstand niedergeschlagen und Prinz Louis geächtet sei. Die Todesangst um das Leben ihresletzten Sohnes Louis macht sie erfinderisch. Sie entkommt mit ihrem ebensalls von den Masernergriffenen, als Lakai verkleideten Sohn, den Nachstellungen der Feinde, nachdem sie die fliehenden

' Die Königin Hortense in Italien, Frankreich »nd England im Jahr 1831. Bruchstücke aus ihren»»gedruckten Memoiren, von ihr selbst herausgegeben. Aus dem Franz. Leipzig 1834.